Permalink

0

Eine kurze Geschichte der Zeit – Stephen Hawking

Stephen Hawkings Verdienste um die Wissenschaft sind sicherlich unumstritten. Der Astrophysiker, der bereits mit 20 Jahren mit ALS diagnostiziert wurde und nicht nur durch seinen Sprachcomputer Teil der Populärkultur wurde, war zum einen ein bedeutender Astrophysiker. Was aber vielleicht noch bedeutender ist, ist sein Wirken als populärwissenschaftlicher Sachbuchautor, mit der er es schafft(e), ein Millionenpublikum für Astronomie und Wissenschaft zu begeistern. Und sein bekanntestes Buch liegt hier vor mir: Eine kurze Geschichte der Zeit.

Dieses Buch behandelt die großen Fragen der Kosmologie. Hawking beginnt mit einem Aufriss über die Entstehung des Universums, beschäftigt sich dann mit den Konsequenzen der Heisenbergschen Unschärferelation und weiteren Grundkräften, erläutert dann, was es eigentlich mit den schwarzen Löchern auf sich hat und was eigentlich die Zeit ist, bevor er in einem abschließenden Kapitel einen Blick auf die Zukunft der Physik, insbesondere die Frage nach der einheitlichen Feldtheorie, wirft.

Je nach Ausgabe hat das Buch kaum 200 Seiten und versucht in dieser ‚kurzen Geschichte‘ einen Rundumschlag über die Grundlagen der (Astro-)Physik zu liefern und gleichzeitig deutlich zu machen, welche Fragen der Menschheit von der Physik beantwortet werden können und welchen Beitrag die Physik dazu leistet, zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält[1]. Es ist dabei ein explizit populärwissenschaftliches Buch, das versucht, große Fragen für alle verständlich zu beantworten. Fraglich ist, ob das gelingt.

Festzuhalten ist: Die kurze Geschichte der Zeit ist keine entspannte Strandlektüre. Stellenweise wurde es im Buch für mich als jemanden, der zwar physikalisch nur über Schulbildung verfügt, aber komplexe Texte relativ häufig liest, etwas schwer, mitzukommen. Zudem geht es nicht nur um Physik und Physiker. Hawkings Werk bewegt sich an vielen Stellen an der Schnittstelle zwischen Physik und Philosophie, was einige wissenschaftstheoretische Überlegungen miteinschließt. Es beantwortet also nicht nur die Frage nach der Weltformel, sondern eigentlich eher die Frage, unter welchen Bedingungen eine Weltformel zustande kommen könnte. Das schließt natürlich ein erhebliches Namedropping mit ein. Nahezu jeder bekannte Philosoph oder Physiker der letzten dreitausend Jahre wird in dem Buch erwähnt, häufig nur mit ein paar seiner Gedanken, die zu einem übergeordneten Thema – wie dem Wesen der Zeit beispielsweise – passen. Und nicht ohne Grund erschien Jahre später eine vereinfachte und ‚klarere‘ Ausgabe unter dem Titel ‚Die kürzeste Geschichte der Zeit‘.

Nichtsdestotrotz ist die Kurze Geschichte der Zeit ein enorm spannendes und faszinierendes Buch. Für mich waren nicht alle Inhalte neu, weil ich Kosmologie insgesamt spannend finde und in meinem Podcast-Feed auch regelmäßig kosmologische Themen auftauchen. Aber als Einführung in die Faszination des Universums ist das Buch gut geeignet. Wohlgemerkt nur für Interessierte, vielleicht auch nicht unbedingt für zu junge Kinder, aber das Buch ist zu Recht ein Klassiker der populärwissenschaftlichen Literatur – und so wie ich das überblicken kann, ist es auch noch mit einigen kleineren Ausnahmen nicht völlig veraltet, denn immerhin ist das Buch schon über dreißig Jahre alt. Anscheinend gibt es auch noch eine etwas aktualisierte Version, aber meine Fassung ist – wie am Bild zu erkennen – schon etwas älter. Insgesamt kann ich das Buch absolut empfehlen. Sicherlich kann man sich die Inhalte heutzutage über Podcasts und andere Medien auch auf andere Art aneignen, aber eine so dichte und gleichzeitig umfassende Einführung in Verbindung mit dem Beweis, dass Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften letzten Endes nie allein funktionieren können, kann ich nur mit 5/5 Sternen bewerten.

[1] Ich konnte nicht anders, sorry. Ist ja immerhin ein Literaturblog hier…

Permalink

0

Charity 04 – In den Ruinen von Paris – Wolfgang Hohlbein

Nach dem Sprung in den gewaltigen Materietransmitter als einzigen Ausweg aus dem dritten Band landen unsere Freunde ohne weitere Verzögerungen direkt im vierten Band der Serie. Und wenn man einen genauen Blick auf den Titel des Bandes wirft, kann man erahnen, welcher neue Schauplatz in diesem Band eingeführt wird. Und der etwas geknickt wirkende Eiffelturm auf dem Cover tut sein übriges dazu bei, dass der Übergang, der die Protagonist*Innen ziemlich überrascht, für den Leser nur mäßig unerwartet kam. Ihnen folgt der Megakrieger Kyle aus dem letzten Band, der aber offensichtlich eine Fehlfunktion aufweist und daher nicht mehr darauf aus ist, sie zu töten. In der zerstörten Stadt ergibt sich nicht nur die Antwort auf die Frage nach dem Verbleib der Kinder, die zu Megakriegern ausgebildet werden, sondern auch auf die Frage nach der Ausbildung derselben – Paris ist der Hort der Megakrieger. Doch selbst hier gibt es Widerstandsgruppen. Unsere Helden, inzwischen mit Kyle zusammen, finden einen seltsamen alten Panzer, einen NATO-Bunker und tatsächlich eine Gruppe von Widerstandskämpfern – die aber zunächst etwas skeptisch sind, ob es sich wirklich um Freunde handelt, zumal ja einer der Megakrieger, vor denen sie sich verstecken, unter ihnen ist. Alte NATO-Technik von vor sechzig Jahren in einem reaktivierten Bunker trägt schließlich ihren Teil zur Auflösung des Bandes bei.

Hatte ich eigentlich schonmal erwähnt, dass Charity eine der Hohlbein-Serien ist, denen kein ordentliches Ende vergönnt ist? Es gibt wohl nach Band 10 ein ganz gutes Ende, in Band 11 geht es dann mit einem neuen Handlungsstrang weiter, der auf 5 Bände angelegt war, von dem aber nur zwei Bände realisiert wurden. Es endet also mitten im Nirgendwo.

Aber kommen wir zu diesem Bändchen – es sind ja jeweils kaum 200 Seiten, die hier zwischen zwei Buchdeckel geschrieben wurden. Man merkt den großen Unterschied zwischen Amerika und Europa nicht wirklich. Es geht einfach weiter wie bisher, es gibt alle paar Seiten einen Kampf, es werden neue Verbündete gefunden, schnell wieder verloren, sodass das Thema Paris nach diesen knapp 200 Seiten wieder abgeschlossen ist und es irgendwie weitergehen muss. Wie, ist tatsächlich zu dem Zeitpunkt noch relativ offen, aber es scheint sich in die Richtung alter NATO-Verteidigungsanlagen zu entwickeln, die reaktiviert werden müssen. Die Idee wirkt heutzutage etwas fremd, aber vergegenwärtigt man sich, dass die Bände ziemlich genau zur Wendezeit geschrieben wurden, ist die Idee alter NATO-Anlagen doch irgendwie naheliegend.

Ansonsten gibt es wenig zu erzählen. Die Charaktere handeln weitestgehend nachvollziehbar, es gibt keine großen Logiklücken, gleichzeitig entwickeln die neu eingeführten Figuren keine große Tiefe und es ist davon auszugehen, dass auch dieser Band wieder relativ folgenlos für die inzwischen etablierte Gruppe an Hauptfiguren bleibt, die aber auch aufgrund der ständigen Kampfszenen nicht wirklich charakterlich weiterkommt. Es ist eben ‚more of the same‘, Hohlbein, wie man ihn sich vorstellt, ohne wirkliche Besonderheiten, aber eine ganz vergnügliche Lektüre für zwischendurch. Die Bewertung solcher Bändchen bereitet mir jedoch immer etwas Kummer, sodass ich eigentlich nicht mehr tun kann, als ihn mit dem letzten Band zu vergleichen und da kann ich dieses Mal beim besten Willen keinen Unterschied feststellen, sodass es bei 4/5 Sternen bleibt.

Permalink

0

Montagsfrage vom 23.03.2020

Herzlich Willkommen zur heutigen Montagsfrage!

Welches Buch hast du zuletzt beendet?

Über den zweiten Teil der Frage will ich mal den Mantel des Schweigens hüllen. Aus Gründen. Vertraut mir.

Nun, auch wenn es schon einige Zeit her ist – ich lese gerade zwei Bücher parallel und deshalb ist noch keines davon fertig – habe ich zuletzt das grandiose Buch Marianengraben von Jasmin Schneider ausgelesen, das ich an dieser Stelle auch gerne nochmal weiterempfehlen möchte. Eine ausgezeichnete Lektüre für fast jede Situation.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine gute Woche und bis dahin.

Permalink

0

It’s Teatime My Dear – Bill Bryson

Bill Bryson ist ja eigentlich ein Reiseschriftsteller. Witzigerweise hat er in den letzten 15 Jahren keinen Reisebericht mehr verfasst. Seine Werke “Picknick mit Bären” und “Frühstück mit Kängurus” sind sehr gute und wundervoll witzige Werke, die Bryson auch bekannt gemacht haben. Und nun hat er es erneut getan. Okay, wenn diese Rezension veröffentlicht wird, ist diese Buch auch schon seit fast 5 Jahren auf dem Markt. Und es ist auch nicht so wirklich ein Bericht über eine Einzelreise, viel mehr geht Bryson über einige Monate hinweg auf die Reise durch sein eigenes Land. Oder eigentlich durch eines seiner Länder, denn der gebürtige Amerikaner lebt inzwischen seit 1973 in England, kehrte jedoch zwischendurch für einige Jahre in die Staaten zurück.

In diesem Buch reist Bryson durch England und er nutzt für seinen Streifzug die selbst gezeichnete Bryson-Linie, bei der er versucht hat, eine möglichst lange Linie durch die Landmassen der Britischen Insel zu ziehen, weshalb er in Cape Wrath beginnt und dann bis Bonor Regis reist. Neben den großen Städten, die recht nah links und rechts dieser Linie liegen bereist er auch viele kleine Orte, sucht sich die etwas kuriosen kleinen Orte und die verschiedensten kleinen Sehenswürdigkeiten aus und lässt die großen Touristenhochburgen bewusst aus. Stationen dieser Reise sind neben Oxford und Cornwall eben auch East Anglia, den Peak District oder Devon, Orte, von denen ich noch nichts gehört habe.

Mein erster Gedanke beim Lesen war: Bryson hat das Reisen nicht verlernt. Und er kann noch immer über witzige Begebenheiten schreiben. Das beginnt mit amüsanten Anekdoten von der Reise, wie er sich auf Bus- und Zugfahrten völlig blamiert oder sich hoffnungslos verfährt, verhält sich völlig unangebracht und erzählt Erlebnisse von seltsamen Hotels und anderen Absteigen. Insofern hat sich an seinem Schreibstil, über den ich schon in vielen anderen Rezensionen von Bryson-Titeln geschrieben habe, wenig verändert. Er erzählt aber in diesem Buch auch viele Hintergrundinformationen über die Orte und, was mir sehr aufgefallen ist, er geht sehr stark auf die Geschichte der Orte ein. Das ist jetzt nicht unbedingt eine 400-Seiten starke ‘Früher-war-alles-besser’-Litanei, allerdings kann man doch solche Züge in dem Werk finden. In vielen Orten berichtet er vom zunehmenden Verfall und wie sie auch durch die britische Regierung heruntergewirtschaftet wurden. Nebenher erfährt man noch einige nette Details über das britische Regierungssystem, was gerade angesichts des Brexits, zu dem Bryson noch ein etwas entsetzt klingendes Nachwort zur Taschenbuchausgabe mitliefert, ein interessantes Licht auf Großbritannien wirft.

Insgesamt merkt man dem Buch auch an, dass Bryson hier über ein Land schreibt, das er als Heimatland bezeichnet – nicht zuletzt beginnt das Buch mit seinen Erfahrungen beim Einbürgerungstest. Er geht ziemlich viel ins Detail, was manche Hintergründe angeht und erzählt von geplanten politischen Projekten, der schwachen Organisation von Gedenkstätten und wie irritierend manchmal eigentlich bedeutsame Erinnerungsorte touristisch kaum genutzt werden, während an anderen, trivialen Kulturdenkmälern riesige Kampagnen Besucherströme erzeugen.

Wer diesen Blog liest, weiß, dass ich von Bill Bryson schon etliche Bücher gelesen habe. Und ich kann selbstverständlich auch dieses Buch nur wärmstens empfehlen. Allerdings vielleicht mit der Einschränkung, dass man Brysons Schreibstil mögen sollte und ihm verzeihen sollte, dass man ihm anmerkt, dass er nicht mehr so jugendlich wirkt wie in den ersten Büchern. Dennoch gebe ich gerne 4,5/5 Sternen, nicht nur, weil das Buch einem die Chance gibt, die doch etwas seltsamen Nachbarn von der Insel kennenzulernen, sondern auch weil es sehr unterhaltsam ist.

Permalink

0

Montagsfrage vom 16.03.2020

Guten Morgen zusammen,

der Titel ist ziemlich irreführend, denn es die Montagsfrage ist tatsächlich vom 09.03.2020. Da es aber in dieser Woche keine Montagsfrage gab, dachte ich, ich hole die der letzten Woche einfach nach. Wenngleich auch hier die Antwort nicht beonders einfach ist…

Welche Klischees haben für euch wirklich ausgedient?

Dass es kaum männliche Buchblogger gibt. Okay, das ist inzwischen auch nicht mehr so, oder? Ich weiß noch, als ich vor 7 Jahren damit angefangen habe, war ich noch verhältnismäßig allein auf weiter Flur, aber inzwischen hat sich da das Geschlechterverhältnis auch wieder etwas angepasst. Ach, es ging um Klischees in Büchern? Ich lese wenig Liebesgeschichten, insofern erlebe ich diese ganzen Klischees rund um Beziehungen auch nicht als ausgelutsch – vielleicht höchstens solche Sachen wie scheinbar unverletzliche Helden, die sich auch den größten Bedrohungen widersetzten können und aus dem Nichts die besten Kampfkünste haben, ansonsten langweilt mich relativ wenig an Klischees.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine gute Woche!

Permalink

0

Prinzessin Insomnia und der alptraumfarbene Nachtmahr – Walter Moers

Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich Moers sehr schätze? Seit ich Mitte 2012 das erste Buch von ihm las, habe ich – wenngleich mitunter erst Jahre später – so ziemlich alle Zamonien-Romane gelesen und hier besprochen. Weniger als vier Sterne habe ich dafür noch nie gegeben. Und, kleiner Spoiler vorab: Das werde ich auch heute nicht tun.

Prinzessin Insominia erschien in Jahr 2017 und ist der erste Zamonien-Roman, bei dem Walter Moers mit einer Illustratorin zusammenarbeitet. Das hat er bereits für die Graphic-Novel zur Stadt der Träumenden Bücher gemacht, in Romanform gab es das bisher noch nicht. Entsprechend dem bunten Charakter des Buches sind hier alle Zeichnungen farbig umgesetzt, auch der Text selbst weist immer wieder farbige Passagen auf. Der recht hohe Preis von 25€ für 330 Seiten Harcover ist angesichts dessen fast schon preiswert.

Doch kommen wir zum Buch selbst. Prinzessin Dylia leidet unter einer schweren Form der Schlaflosigkeit und niemand schafft es, sie zum Schlafen zu bringen. Oft kann sie wochenlang nicht schlafen. Dafür ist sie viel mit ihren Gedanken beschäftigt, liebt Sprachspiele und malt sich ihre Gedanken in den buntesten Farben aus. Eines Nachts bekommt sie Besuch von Havarius Opal, einem Nachtmahr, der dazu da ist, sie in den Wahnsinn zu treiben. Doch auf dem Weg dorthin soll die Prinzessin zumindest noch etwas zu sehen bekommen und so nimmt er sie mit in eine Reise durch ihr Gehirn. Dort begegnen sie allerhand seltsamen Kreaturen und Gestalten, einige, die Opal ihr erklären kann, aber auch einiges, das ihm unbekannt vorkommt. Die Gründe hierfür, wie auch das Ende der Geschichte möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, aber ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass es um einen Kampf um das Oberüberwort, Leben, Tod und Wahnsinn geht, der im zweiten Teil des Buches ausgetragen wird.

Wie schon die vorigen Romane von Moers fand ich diesen ziemlich gelungen. Moers erklärt, dass die Zusammenarbeit mit Lydia Rohdeaus einem Brief, in dem sie ihm beschrieb, dass ihr seine Bücher bei ihrer Krankheit helfen und es ist im Buch deutlich zu spüren, dass Moers dieses Schicksal zu einer Geschichte inspiriert hat. Nicht nur, dass Dylia ein ziemlich offensichtliches und für Moers Verhältnisse fast schon plumpes Anagramm für Lydia ist, sondern auch dass das Schicksal der Prinzessin dem der Illustratorin doch verdächtig ähnelt. Das fand ich tatsächlich in den ersten 70 Seiten etwas störend, weil es doch sehr stark ausgebreitet wurde. Man merkt – finde ich – das die Geschichte dort noch nicht genau weiß, wo sie hinmöchte. Sicherlich, einige Teile sind später noch relevant, auf andere Aspekte, die nur die Beschreibung der Krankheit beinahlten, hätte man verzichten können und dafür noch die Abenteuer mit dem einerseits beängstigenden, andererseits sehr unterhaltsamen Nachtmahr ausbauen können. Denn diesen zweiten Teil des Buches, die Reise durch das Gehirn, habe ich verschlungen, wie lange kein Buch mehr. Klar, es ähnelt ein bisschen dem typischen Moers Motiv einer Heldenreise durch unbekannte Welten, seien es die Katakomben von Buchhain oder die zahlreichen Leben des Käpt’n Blaubär, aber das ist nun auch das, was Moers am besten beschreiben kann und was mir als Leser auch am meisten Spaß macht.

Ich mag Moers Sprachspiele sehr. Dieses Buch präsentierte eine ganze Menge davon, führte jede Menge neue Kreaturen und Begriffe in die zamonische Welt ein und zudem ist die Prinzessin auch Meisterin der Synonyme und präsentiert uns ihren Geisteszustand in zumeist gleich einem Dutzend Synonyme zugleich, was die Geschichte natürlich sprachlich nochmal zu einem Genuss werden lässt.

Mir hat die Prinzessin Insomnia gut gefallen. Mehr vom zweiten Teil und einen etwas knapperen ersten Teil hätte ich vielleicht noch etwas mehr geschätzt, aber auch so ist es ein wirklich schönes Buch und zeigt, dass Moers auch nach der langen Zeit – schließlich vergingen zwischen dem Labyrinth der Träumenden Bücher und der Prinzessin Insomnia ungefähr sechs Jahre – noch in der Lage ist, spannende Geschichten zu schreiben. Seitdem sind übrigens gleich zwei weitere Bücher erschienen, eine kleine Weihnachtserzählung und, im März 2019, der Bücherdrache. Die angekündigten Titel „Die Insel der 1000 Leuchttürme“ sowie die Fortsetzung „Das Schloss der träumenden Bücher“ lassen bis dato aber noch auf sich warten. Es scheint also noch einiges zu geben, worauf ich mich als Moers-Freund freuen kann.

An dieser Stelle gibt es aber erstmal noch ein paar Sterne zu vergeben – von den fünf möglichen gebe ich gerne wieder 4,5/5 Sterne. Es ist ein Buch nicht völlig ohne Schwächen, aber dennoch ein wundervoller Roman, der leider viel zu schnell vorbei war. Mehr Moers bitte!

Permalink

0

Monatsliste von Februar 2020

Im direkten Gegensatz zum Januar war der Februar etwas weniger erfolgreich – auf der Liste steht letzten Endes nur ein einziges Buch. Das hatte es dafür in sich. Es war mal wieder ein Rezensionsexemplar von vorablesen und tatsächlich habe ich es geschafft, es dieses Mal pünktlich zum Erscheinungstermin rezensieren! Ein weiteres Büchlein habe ich im Februar leider nicht mehr fertig geschafft. Hatte ich schon im Januar gesagt, dass der Monat zu schnell vorbei ging, war das im Februar erst recht der Fall. Gerade gegen Ende des Monats habe ich auch meine Zeit, die ich hatte, eher dazu genutzt, mal wieder ein paar Beiträge für diesen Blog zu schreiben – es könnte euch aufgefallen sein, dass im Februar wieder halbwegs regelmäßig etwas erschienen ist. Das würde ich gerne im März fortsetzen und dafür ist es nötig, mal die Rezis der letzten Monate aufzuschreiben. Da bin ich noch dran, aber immerhin kann ich euch schon jetzt sagen, dass der März spannend wird. Nach dem Tiefpunkt gegen Ende des lezten Jahres bin ich jetzt wieder motiviert, dem Blog auch dauerhaft Leben einzuhauchen – und sei es zunächst nur mit Montagsfrage und einem weiteren Post pro Woche.

In diesem Sinne, hier sind die etwas traurigen Zahlen:

Gelesen:
Marianengraben – Jasmin Schreiber (252 Seiten, 5/5 Sternen)

Gesamt 252 Seiten, 8,68 Seiten pro Tag

Permalink

0

Greenshaws Monstrum – Agatha Christie

Miss Marple war immer ein Liebhaberprojekt von Agatha Christie, reich wurde sie durch die Geschichten mit dem etwas verschrobenen Belgier Herule Poirot. Aber Miss Marple, eine alte Jungfer, die im letzten Roman über 80 Jahre alt sein muss, war Christies Lieblingsfigure. Ihre Kurzgeschichten sind, wie ich schon referiert habe, in zwei Anthologien erschienen – diese letzte, Greenshaws Monstrum jedoch, erschien im Original in der Anthologie The Adventure of the Christmas Pudding and a Selection of Entrées, die 1960 erschien. Die 1967 erschienene Anthologie Ein diplomatischer Zwischenfall enthält jedoch nur die Titelgeschichte, die übrigen Geschichten der Originalanthologie wurden ersetzt. Drei der dort enthaltenen Geschichten, nämlich Die Spanische Truhe, Der Traum und eben Greenshaws Monstrum veröffentlichte der Scherz-Verlag bereits 1964 in der Anthologie Der Unfall und andere Fälle; diese ist es auch, die ich hier gerade bespreche. Eine dem Original gleichende Ausgabe erschien erst 2011 beim Hachette-Verlag. Sie ist inzwischen vergriffen und antiquarisch nicht zu bekommen. So ähnlich lief es übrigens auch mit Miss Marples letzte Fälle, auch hier zog sie die deutsche Erstveröffentlichung bis 2010 hin, auch hier ist die deutsche Ausgabe vergriffen.

Ich kann mir die Frage nicht beantworten, warum diese Geschichten nicht in ihrer Originalgestalt herausgegeben wurden. Im Englischen ist das überhaupt kein Problem. Es gibt die Anthologie „Miss Marples Final Cases“, die alle acht in dieser Anthologie enthaltenen Geschichten enthält und diese letzte Geschichte, Greenshaw Monstrum noch als ‚Bonus‘ dazulegt, damit man sich für die Miss Marple Geschichten eben nur zwei Bände kaufen muss. Die Anthologie The Adventure of the Christmas Pudding […] ist aber parallel dazu in ihrer Originalgestalt erhältlich. Für jeweils unter 10€ pro Band, je nach Bezugsquelle. Warum geht das im Deutschen nicht? Lässt sich mit Agatha Christie in Deutschland so wenig verdienen oder kann sich irgendein Verlag nicht dazu aufraffen, das mal in hübschen Ausgaben herauszugeben? Mein Ratschlag lautet also: Lest es auf Englisch. Ich habe es nicht getan. Immerhin gibt es seit 2015 im Atlantik-Verlag Das große Miss Marple Buch mit allen 20 Kurzgeschichten. Und Ende 2019 kommt dann auch das zugehörige Taschenbuch heraus. Warum auch immer man das hier erneut rekompilieren musste.

Nach über 300 Wörtern Einleitung kommen wir mal zur Geschichte selbst. Ist sie diesen großen Wirbel wert? Das Beschriebene Monstrum ist ein großes Haus, das Mr. Greenshaw, der zu viel Geld hatte, erbauen ließ und das nun von ihrer Enkelin mit wenig Personal irgendwie erhalten wird. Die Nichts von Raymond West, der schon im Dienstagabendklub auftrat, bekommt den Auftrag, die Tagebücher von Mr. Greenshaw aufzubereiten und wird dabei in den Mord von Mrs. Greenshaw verwickelt. Raymond erzählt Miss Marple davon und möchte ihren Rat hören, da er sich nicht erklären kann, wie es dazu kam. Aus einem relativ komplexen Beziehungsgeflecht schafft es Miss Marple dann schließlich, eine Lösung zu erarbeiten, um so den Fall aufzuklären – und damit das Haus seinem rechtmäßigen Erben zuzuführen.

Ich verrate wie immer keine Details zur Lösung, aber dieser Fall ist wieder etwas anders als der vergangene Fall, der ja sehr reduziert war, aber durch seine Atmosphäre punkten konnte. Auch hier ist die Atmosphäre auf jeden Fall ein Höhepunkt. Dieses etwas abseits gelegene, halb verlassene und gar nicht groß genutzte Haus und die junge Frau, die dort alleine arbeitet, wird auf einmal in einen solchen Fall verwickelt – das erzeugt schon ein ordentliches Maß an Spannung. Mal wieder passiert einiges nur durch das Erzählen – ich mag es eigentlich in Krimis auch ganz gerne, wenn nicht jemand alles erzählt und der Ermittler es auf der Couch löst. In Kurzgeschichten ist das aber der übliche Fall und das ist in Ordnung.

Es ist eine ziemlich gute Geschichte. Sie ist lesenswert, der Fall ist spannend und auf jeden Fall nachvollziehbar erklärt, die Grundidee ist recht simpel, aber clever umgesetzt und atmosphärisch stimmt hier vieles. Das Wiedersehen mit dem bekannten Raymond West freut mich sehr und ich freue mich, diese Geschichte gelesen zu haben. Ich gebe gerne – auch weil ich Miss Marple sehr gerne habe gute 4,5/5 Sternen für diese Geschichte. Und insgesamt kann ich auch sagen, dass die Anthologie „Der Unfall und andere Fälle“ ihr Geld absolut wert ist, weil großartige Geschichten darin erschienen sind. Für alle, die nur diese Geschichte lesen wollen: Es gibt sich auch als einzelnes eBook für einen Euro – allerdings nur auf Englisch, mal wieder.

Übrigens, noch ein kleiner Spoiler zum Abschluss: Miss Marples letzte Fälle habe ich tatsächlich mal gelesen. Allerdings habe ich derzeit keine Ausgabe greifbar, um ein hübsches Foto davon zu schießen. Ich muss nochmal schauen, ob ich da irgendwie rankomme, um sie euch hier auf dem Blog zu präsentieren. Ansonsten eben ohne Foto.

Permalink

0

Monatsliste vom Januar 2020

Das neue Jahr ist inzwischen schon nicht mehr so wirklich jung und deshalb wird es jetzt mal Zeit, die Monatslisten der ersten beiden Monate aufzuarbeiten – fangen wir im Januar an. Der Januar war gefühlt sehr schnell vorbei und kaum, dass ich ein Buch fertig gelesen hatte, war der Monat auch schon vorbei. Dazu kommt leider, dass meine Lesezeit noch immer relativ begrenzt ist. Vergleicht man die Zahlen jedoch mit dem vergangenen Jahr, kann ich auf den Januar fast stolz sein. Man merkt sicherlich, dass mich der neue Eoin Colfer aus dem vergangenen Dezember dazu inspiriert hat, die alten Bände noch einmal zu lesen. Ich weiß nicht, ob ich jetzt die komplette Reihe nochmal lesen möchte, aber ich kann zumindest sagen, dass mich die Bücher, die ich ja vor fast 15 Jahren zum ersten Mal gelesen habe, auch heute noch ansprechen. Neben diesen beiden Bänden habe ich auch noch ein weiteres Buch gelesen, was die Zahlen überraschend erfreulich aussehen lässt:

Gelesen:
Artemis Fowl – Eoin Colfer (239 Seiten, Re-Read)
Artemis Fowl Die Verschwörung – Eoin Colfer (304 Seiten, Re-Read)
Douglas Adams‘ Raumschiff Titanic – Terry Jones (252 Seiten, 3,5/5 Sterne)

Gesamt: 795 Seiten, 25,64 Seiten pro Tag

Rezensionsexemplar:
Marianengraben – Jasmin Schreiber

Permalink

1

Marianengraben – Jasmin Schreiber

Scheinbar ist vorablesen nicht allzu nachtragend und hat mich aufgrund meiner viel zu späten Rezension zum neuen Artemis-Fowl Buch nicht lebenslänglich von der Verlosungsliste gekickt, denn schon ein paar Wochen später habe ich wieder einen Titel gewonnen: Marianengraben von Jasmin Schreiber. Das Buch wurde mir über Twitter dutzende Male in die Timeline gespült und so dachte ich, werfe ich meinen Leseeindruck in den Ring. Nun, wenige Tage später kam das entsprechende Buch bei mir an und inzwischen habe ich es auch gelesen. Heute ist der offizielle Erscheinungstag, anscheinend ist es aber schon seit einer Woche in den Läden, weil der Großhandel es zu früh ausgeliefert hat.

Die Geschichte dreht sich um Paula. Paula ist nach dem Tod ihres Bruders in eine ziemlich tiefe Depression gerutscht und soll im Rahmen einer Therapie mal das Grab ihres Bruders besuchen. Da sie dort ungerne gesehen werden möchte, bricht sie nachts auf dem Friedhof ein. Sie trifft dabei Helmut, der gerade die Urne seiner Ex-Frau ausgräbt, um ihre Asche an ihrem Lieblingsort zu vergraben. Paula hilft Helmut spontan bei seinem Unterfangen, sie weiß auch nicht, wie sie auf diese Idee kam, aber jedenfalls stolpern sie bei der Flucht vor dem Friedhofswärter, Paula fängt die Urne, leider ergießt sich ein Teil der Asche auf sie. Weil Helmut natürlich kein Gramm seiner Ex-Frau verlieren möchte, bittet er Paula, mit ihm zu kommen, er würde ihre Kleidung ausklopfen und auswaschen und bittet sie in einer Duschmatte aus Kaffeefiltern zu duschen, damit er alle Asche einfangen kann. Aus dieser kuriosen Begegnung entwickelt sich eine seltsame Freundschaft und ein faszinierender Road-Trip mit Hund und Henne. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Die Kapitel tragen eine absteigende unregelmäßige Nummerierung, die irgendwo über 11000 beginnt und schließlich bei 0 aufhört. Ich denke, es ist nicht zu viel verraten, wenn ich jetzt erzähle, dass es sich beim im Buch beschriebenen Marianengraben um eine Metapher für Depressionen handelt. Es handelt sich ausdrücklich nicht um eine Lovecraft’sche Gruselgeschichte mit Tentakelmonstern aus der Tiefsee, auch wenn das Cover das suggeriert. Es geht auch in dem Roadtrip witzigerweise in die Berge, was man natürlich auch als fortgesetzte Metapher des Auftauchens verstehen kann, die sich eben auch in der Kapitelbezeichnung niederschlägt.

Viele Rezensenten des Buches beschrieben es als ein zugleich unglaublich trauriges und doch amüsantes Buch, das mit dem Tod zwar respektvoll umgeht, aber ihn dennoch zum Ausgangspunkt von etwas Heiterem macht. Das liegt natürlich zum einen an der Geschichte, die eine gewisse Komik sicherlich in sich trägt, aber auch am Schreibstil der Autorin. Zum einen bietet die Ich-Erzählerin genug Einblicke in ihre Innenwelt, um zu verstehen, was gerade passiert. Zum anderen ergibt sich die Komik und gleichzeitig die Tragik der Geschichte aus den Dialogen von Paula mit Helmut, die dem Wesen von Paulas Depression langsam aber sicher auf den Grund gehen können.

Seit Roland Barthes wissen wir, dass der Autor mit dem Text nicht in Verbindung zu bringen ist. Vielleicht sollten wir diese Position angesichts einer neuen Generation von Literaten revidieren. Saša Stanišić hat im letzten Jahr schon mit dem Roman ‚Herkunft‘ seine Autobiographie literarisch verarbeitet und auch bei Jasmin Schreiber finden sich wohl keine zufälligen Parallelen zur Protagonistin Paula – Schreiber ist wie die Protagonistin Biologin, leidet unter Depressionen und bedankt sich ‚natürlich auch‘ bei ihrem Bruder. Dass sie sich in dem Buch mit dem Tod auseinandersetzt, hängt vielleicht auch mit Schreibers Tätigkeit als Sterbebegleiterin zusammen und das Verhalten von Paula, unter jedes Blatt zu schauen und nach den Insekten Ausschau zu halten, hat sie mit ihrer Autorin, die auf Twitter versucht eine #schneckenbubble zu etablieren, gemein. Viele Worte um zu sagen, dass es einen Trend zu geben scheint, persönliche Erfahrungen in den Protagonist*innen zu spiegeln und die Bücher so zu einer Art autobiographischer Fiktion zu machen.

Mir gefällt das gut. Ich mochte das Buch insgesamt sehr gerne, weil es eben diese schweren Themen, wie den Verlust eines Familienmitgliedes oder auch das Vereinsamen im Alter aufgreift und einen dabei gleichzeitig zum Weinen wie zum Lachen bringt. Das Buch ist dabei gar nicht besonders dick und verzichtet komplett auf Nebenhandlungen – von einigen tierischen Handlungstragenden mal abgesehen. Insofern kann ich Jasmin Schreibers Debütroman vorbehaltlos empfehlen und gebe gerne 5/5 Sternen. Vielleicht ist es noch etwas früh dafür, aber ich halte das Buch schon jetzt für eines meiner Lesehighlights des Jahres.