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Montagsfrage vom 05.12.2016

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Guten Morgen zusammen und herzlich Willkommen zur heutigen Montagsfrage:

Beeinflusst die Jahreszeit aktuell dein Leseverhalten/die Bücher, zu denen du greifst?

Puh, da musste ich gerade wirklich überlegen. Ich glaube, tendenziell eher weniger? Am Ende des Jahres fahre ich tendenziell häufiger mit der Bahn und lese dort tendenziell etwas mehr, tendenziell lese ich in den Semesterferien gerne mal etwas anspruchsvolleres an privaten Büchern, weil ich unterm Semester einfach den Ausgleich zu meinen Unitexten brauche. Aber dass ich jetzt zu Weihnachten speziell zu Büchern mit Weihnachten als Thema greife oder im Sommer keine Bücher über einen frostigen Winter lese, ist eher nicht der Fall.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine gute Woche! Hier gibt es wie immer zwei tolle neue Beiträge zu lesen – und am Sonntag ein weiteres Adventsgedicht. Bleibt also gespannt!

Bis dahin!

 

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Knecht Ruprecht – Theodor Storm

Heute, am zweiten Advent gibt es noch einen absoluten Klassiker im Romanfresser-Adventsgedichtkalender. Der Einstiegsvers „Von drauß‘ vom Walde komm ich her“ ist eines der bekanntesten Zitate der Weihnachtszeit. Dennoch ist das Gedicht eigentlich etwas länger, als man es gemeinhin kennt. Die gesamte Version könnt ihr beispielsweise hier nachlesen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/theodor-storm-gedichte-3485/230

Zu diesem Gedicht kann man formal wieder nicht so wahnsinnig viel erzählen. Die Verse sind nahezu durchgängig vierhebig, mal jambisch, mal etwas daktylischer, das Metrum ist also etwas freier. Eine richtige Aufteilung in Strophen gibt es nicht, aber es gibt zu im Wesentlichen zwei bis drei Abschnitte des Gedichts. Das spannendste auf dieser Ebene ist vermutlich, dass es in diesen paar Zeilen bereits eine Binnenerzählung, nämlich den Dialog mit dem Christkind, von dem Ruprecht berichtet, gibt und somit, sieht man es erzählanalytisch hier schon zwei Erzählebenen existieren. Also gibt es den Dialog mit dem Vater und den mit dem Christkind als Sinnabschnitte des Gedichts. Inhaltlich erzählt Ruprecht von seiner Unterhaltung mit dem Christkind und etabliert damit seine eigene Rolle als derjenige, der quasi einen Gruß vom Christkind überbringt, bevor dieses dann selbst kommt. Außerdem ist er auch derjenige, der die Kinder für ihr Verhalten mit der Rute straft. Der Vater muss dann dem Knecht mehrmals versichern, dass die Kinder zwar typisch für Kinder manchmal Flausen im Kopf haben, aber grundsätzlich absolut brave Kinder sind – und so lässt Ruprecht dann auch kleine Geschenke da.

Theodor Storm als romantischer Autor thematisiert das Weihnachtsfest häufig, auch autobiografisch motiviert, er sagt über sich selbst, dass das Weihnachtsfest sein Lieblingsfest war – und die Ankunft des Christkindes der Höhepunkt des Jahres ist, der lange und ausführlich vorbereitet wird. Die ursprüngliche Fassung des Gedichtes, die auch die bekannte ist, endet mit der Frage „Sind’s gute Kind, sind’s böse Kind?“ – erst in einer Novelle „Unter dem Tannenbaum“ wird das dann durch den Vater beantwortet und oben angesprochener Dialog entwickelt sich, was dem Gedicht diese Tiefe gibt – und nur so erklärt sich auch, wieso ich eben die Erzähltheorie angesprochen habe, denn normalerweise wendet man das nicht auf Gedichte an.

Mit einer klassischen Gedichtinterpretation kommt man hier alllerdings nicht so wirklich weit. Die typisch lyrische Bildsprache ist hier eigentlich nicht vorhanden, man kann nicht so wahnsinnig viel zwischen den Zeilen lesen, keine komplexen Metaphern – einzig der Ruprecht-Mythos wäre ein paar Worte wert. Knecht Ruprecht und Sankt Nikolaus sind eigentlich zwei verschiedene Personen, die zusammen durch die Lande ziehen und am Vorabend des sechsten Dezembers wahlweise Geschenke oder Schläge verteilen – Ruprecht ist also der böse Gegenspieler des Nikolaus. Im Protestantismus des 17. Jahrhunderts fand dann eine Vermischung der beiden Figuren stand – und das scheint eben auch hier der Fall zu sein. Ruprecht straft und verteilt gleichermaßen Geschenke.

Was bleibt also von diesem Gedicht übrig. Es ist ein Weihnachtsklassiker, es ist dieses idealisierte, romantische Bild von Weihnachten, der gute Geist der gerecht ist. Von den Züchtigungen würde die heutige Pädagogik Abstand nehmen, aber dieses Bild ist noch immer die klassische Vorstellung von Weihnachten. Und es ist eben auch einfach ein sehr heimeliges Bild, wie die ganze Familie zuhause sitzt und aufs Christkind wartet, während Gedichte deklamiert und Lieder gesungen werden. Und da darf der Knecht Ruprecht einfach nicht fehlen. Ja, man kann da jetzt eine kritische Perspektive einnehmen, da werden Kinder geschlagen, da werden mal wieder die Geschenke in den Vordergrund gerückt. Aber das hatten wir letzte Woche – jetzt wird es doch bitte etwas besinnlich, oder?

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Statistik für November 2016

Der November ist um und die Weihnachtszeit beginnt. Das erste Adventsgedicht auf diesem Blog gab es am letzten Sonntag bereits zu lesen – der erste Advent ist wirklich früh, oder? Kommen wir also zu einem Rückblick des letzten Monats. Sieht man sich die Liste an, ist diese enorm lang und man könnte meinen, ich habe richtig viel gelesen. Leider ist das in Wahrheit gar nicht so. Drei dieser Titel sind für mein Literaturseminar, zwei Groschenheftchen sind dabei, zweimal Hanni und Nanni, sodass ich im Endeffekt vielleicht drei oder vier Bücher wirklich für mich gelesen habe. Gut, diese Bücher waren dann auch allesamt ziemlich gelungen, aber auch wieder ziemlich dünn. Längere Bücher stehen leider noch immer nicht wirklich auf meiner Agenda. Und von meinem SuB habe ich kaum etwas ab-, dafür aber mit vier neuen Büchern – es war mal wieder eine kleine Rebuy-Bestellung – einiges aufgebaut. Gut, zu sehr will ich mich gar nicht beschweren, am Ende ist die Seitenzahl recht ordentlich und vor allem gab es einiges Futter für diesen Blog – würde ich nur einen 1500-Seiter im Monat lesen, gäbe es hier deutlich weniger zu lesen.

Dennoch würde ich gerne mal wieder etwas mehr an dickeren Büchern und auch für mich privat zu lesen. Vielleicht bietet der Dezember da ja eine gute Möglichkeit dazu, – und spätestens im Januar, wenn ich dann mit dem ganzen Lesen für die Uni erstmal durch bin, nehme ich mir mal wieder längere Titel vor. Trotzdem bin ich mit dem Lesemonat November gar nicht so unzufrieden. Im Blog hat es weitestgehend funktioniert und vor allem habe ich noch jede Mene Stoff übrig, den ich verbloggen kann – und der dann im Laufe des Dezembers auch erscheinen wird. Aber genug der Worte, hier die Zahlen:

Anfangs-SuB-Stand: 109

Gelesen:
Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl – Clemens Brentano (coming soon, 61 Seiten)
John Sinclair Sonderedition #32: Ein Leben unter Toten (coming soon, 79 Seiten)
Peter Schlemihls wundersame Geschichte – Adelbert von Chamisso (coming soon, 95 Seiten)
Fröhliche Tage für Hanni und Nanni (#13) – (coming soon, 124 Seiten)
Fernsehen, jetzt auch als Buch – Philipp Walulis (coming soon, 208 Seiten)
Nova Atlantis – Francis Bacon (coming soon, 101 Seiten)
Widerfahrnis – Bodo Kirchhoff (coming soon, 223 Seiten)
Hanni und Nanni gründen einen Club (#14) (coming soon, 155 Seiten)
Al Capone: Glut im Blut – Al Cann (coming soon, 65 Seiten)
Der tolle Invalide – Achim von Arnim (comin soon, 25 Seiten)
Märchenmond – Wolfgang Hohlbein (coming soon, 394 Seiten)

Gelesen (Deutsch): 1530 Seiten, 51 Seiten pro Tag
Gelesen (Englisch): Seiten, Seiten pro Tag
Gelesen (gesamt): 1530 Seiten, 51 Seiten pro Tag

Gekauft:
Falling in Love – Donna Leon
Streifzüge durch das Abendland – Bill Bryson
Märchenmond – Wolfgang Hohlbein
Die letzten ihrer Art – Douglas Adams

End-SuB-Stand: 111

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Widerfahrnis – Bodo Kirchhoff

k-2016-11-08-23-47-48Der Gewinner des deutschen Buchpreises 2016 lautet Bodo Kirchhoff. Den Gewinner des vergangenen Jahres habe ich ausgelassen, es war ein sehr dickes und ziemlich schwieriges Buch, aber als in diesem Jahr dann nicht nur der Siegertitel recht überschaubar war und auch noch in mein Budget passte, habe ich ihn mir spontan gekauft und dann inzwischen – wahrscheinlich kräht sechs Wochen nach der Verleihung kein Hahn mehr danach – auch gelesen. Das Buch ist von seiner Konzeption her eher eine Art Novelle und breitet sich auf kaum über 200 recht dünn bedruckten Seiten aus – er bezeichnet sich auch selbst als Novelle. Doch nachher mehr dazu.

Reither war einst Verleger, wohnt jetzt in einer Alpenidylle und findet in der örtlichen Bibliothek ein Buch ohne Verlag, ohne Titel. Am selben Abend klopft „Die Palm“ bei ihr, sie ist die Autorin dieses Buches und beide machen sich auf eine Reise ohne Ziel. Sie fahren nach Italien, fahren von Küstenort zu Küstenort. Sie, ehemalige Hutladenbesitzern und er, der alte Verleger, kommen dabei einander nahe, obwohl sie gar nicht so wirklich merken, wie es geschieht. Als sie dann ein Flüchtlingsmädchen zu sich aufnehmen, spitzt sich die Handlung zu und nimmt ihre dramatische Wendung.

Ich will das Ende nicht spoilern, vielleicht möchtet ihr das Buch auch noch lesen, aber ich kann so viel sagen, dass auf den letzten 60 Seiten sich eigentlich alles grundlegend ändert und die etablierten Charaktere und Handlungsmuster nicht mehr zutreffen – und solche krassen Enden mag ich eigentlich nicht so gerne. Klar, eine Zuspitzung ist gut, aber dass sich am Ende alles nochmal wendet, kann auch sehr kunstvoll sein – für einen Krimi wäre es auch gut, wenn es so ist, aber hier fand ich das etwas überfordernd. Doch fangen wir am Anfang an.

Die Geschichte ist eine Geschichte über das Lieben und dass Liebe aus Erinnerung besteht. Die beiden Protagonisten haben verlernt, wie lieben – aber auch wie leben an sich – funktioniert, zu sehr sind sie in alten Mustern behaftet, beide hatten mal ein Kind oder eines in Aussicht, sind aber inzwischen ohne Familie. Man möchte den beiden zurufen, wie sie sich am besten verhalten sollten, aber sieht ein, dass sie ohnehin machen, was sie glauben zu wollen – sofern sie das denn wissen. Flüchtlinge spielen in dem Buch auch eine große Rolle, eigentlich sind nur sie es, die die Handlung wirklich vorantreiben, denn bis zum zweimaligen Auftreten von Flüchtlingen plätschert die Handlung um die beiden eher so vor sich her.

Drei Aspekte möchte ich hier noch ansprechen. Zunächst mal gefiel mir außerordentlich gut, dass die Erzählung immer wieder auf sich selbst und ihren Status als Erzählung verweise. Der Erzähler verweise darauf, wie er die Geschichte beginnen würde, wie er weitererzählen würde und ist dabei aber kein Ich-Erzähler, auch wenn er die Perspektive von Reither anzunehmen scheint. Man ist auch ohne die Ich-Perspektive sehr nach am Geschehen. Die große Nähe wird auch dadurch erzeugt – und das ist der zweite Aspekt – dass die Anführungszeichen fehlen. Wörtliche Rede ist einfach so eingeflochten, beginnt und endet mitunter mitten im Satz, ohne Kennzeichnungen und ohne, dass es herausgestellt wird. Das ist zunächst verwirrend, sorgt aber dafür, dass es kein Wechselspiel zwischen Dialog und Erzählerbericht gibt, sondern sorgt für eine ganz starke Verflechtung und dadurch wird man ganz enorm in die Geschichte hineingesogen.

Schließlich sollten wir nochmal über die Novelle reden. Die Novelle zeichnet ja ein „unerhörtes Ereignis“ aus, das dann in einer linearen Handlung mündet, dabei gibt es häufig ein zentrales Leitmotiv beziehungsweise die Möglichkeit, die Novelle symbolisch zu deuten. Und ich bin hier mit diesem Novellenbegriff nicht so ganz einverstanden. Zwar gibt es diese eine auch ziemlich lineare Handlung, aber es werden immer wieder andere Themen und Konflikte hineingewoben, so das Erzählen, die Vergangenheit, die Zukunft, die Flüchtlingsfrage. Es gibt zwar dieses Flüchtlingsmotiv, aber so wirklich zentral oder gar symbolisch sehe ich das hier nicht. Und auch über das unerhörte Ereignis müssen wir nochmal diskutieren. Klar, der begrenzte Zeitraum sprechen irgendwie dafür und es wirkt auch nicht so komplex wie ein Roman, aber dennoch, eine klassische Novelle im Sinne Theodor Storms ist das wahrscheinlich nicht.

Und was halte ich jetzt davon? Ist das buchpreiswürdig? Ich bin unsicher. Mir gefiel die Erzählkunst, mir gefiel der Stil, mir gefiel dieses hineinsaugende Lesen, das mich wirklich verzaubert und tief bewegt hat. Das alles fand ich unglaublich kunstvoll und meisterhaft verwoben. Durch die Ankopplung an die aktuelle Flüchtlingsfrage verliert das Buch dabei aber nicht die Bodenhaftung, sondern koppelt sich quasi an die aktuellen Ereignisse zurück und lässt einen den Bezug zur Außenwelt nicht verlieren. All das gefällt mir total gut – und doch kann ich nicht glauben, dass das das Beste sein soll, was der Buchhandel zu bieten hat. Die fehlenden Anführungszeichen und den Sog findet man schon in Erzählungen des beginnenden 19. Jahrhunderts, die aktuelle Thematik wird ohnehin häufig genutzt – einzig dieser besondere Erzählstil, das Selbstreferenzielle sind zwei wirkliche preiswürdige Thematiken – auch wenn auch das nicht unbedingt so einmalig ist.

Bleiben wir dabei, es ist ein gutes Buch, ein wirklich gutes Buch. Nicht ganz trivial zu lesen, aber gut zugänglich, kunstvoll verwoben und doch so simpel. So statisch und doch immer in Bewegung. Ich gebe mal 4,5/5 Sternen. Für den letzten halben Stern fehlt mir ein bisschen das Sahnehäubchen, ein bisschen das, was aus dem sehr guten Buch einen wirklichen Preisgewinner macht. Aber eine falsche Entscheidung war das sicherlich auch nicht. Es ist eben wie gesagt – ein wirklich gutes Buch.

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Montagsfrage vom 28.11.2016

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Guten Abend zusammen und Herzlich Willkommen zur heutigen Montagsfrage!

Jetzt dauert’s nicht mehr lange, welche Bücher haben es auf eure Weihnachtswunschliste geschafft?

Keins. Tatsächlich habe ich keine Bücher auf meiner Wunschliste. Mein SuB ist noch so überladen und ich möchte den im kommenden Jahr endlich mal reduzieren – weshalb ich meine Weihnachtswunschliste dieses mal bücherfrei gehalten habe. Ob ich dann tatsächlich zu einer SuB-Reduktion komme, schauen wir mal. Aber ich versuche es jedenfalls.

Verganene Woche habe ich das Hochladen der vorbereiteten Beiträge leider völlig verpeilt, habe diese jetzt aber nachgetragen – sodass sich da heute mal ein Blick ins Archiv lohnt! Und auch diese Woche gibt es wieder spannende Texte zu lesen – die ich besser gleich für heute plane… Euch wünsche ich jetzt aber erstmal eine gute Woche!

Bis dahin!

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Weihnachtslied, chemisch gereinigt – Erich Kästner

Unglaublich, heute ist der erste Advent! Wie sieht es bei euch mit Weihnachtseinkäufen aus? Ist die Ente schon im Tiefkühler? Schon einen Weihnachtsbaum? Ich muss sagen, ich bin noch nicht so wirklich in Weihnachtsstimmung – es ist ja noch nicht mal Dezember! Ich habe für euch als Adventsaktion in diesem Jahr einige Weihnachtsgedichte herausgesucht – insgesamt fünf verschiedene Gedichte werde ich euch in diesem Jahr präsentieren, die allesamt etwas mit dem Thema Weihnachten zu tun haben. Und weil ich noch nicht so wirklich in der Stimmung bin, fangen wir heute mit einem Gedicht an, dass Weihnachten zum Thema hat, aber nicht wirklich besinnlich ist. Erich Kästner schrieb dieses Gedicht im Jahr 1928 – aber es hat nichts von seiner Brisanz verloren. Hier einmal für euch zum Mitlesen www.lesekreis.org/2007/12/20/weihnachtslied-chemisch-gereinigt-von-erich-kaestner-1928/

Formal gibt es zu diesem Lied relativ wenig zu sagen. Es ist eine Satire auf das bekannte Weihnachtslied „Morgen Kinder wird’s was geben“ und fügt sich auch metrisch in diesen Liedcharakter ein. Vier Hebungen pro Vers, es beginnt mit einer Hebung (Man spricht von einem Trochäus: betont-unbetont), sechs Verse pro Strophe. Der Rahmen wird auch durch die Vorlage vorgegeben, somit ist das nicht nur eine textliche Bezugnahme, sondern eine direkte Satire bzw. Parodie dieses Liedes. Zum Original ist vielleicht noch zu sagen, dass es sich bei „Morgen Kinder…“ um ein säkulares Weihnachtslied handelt – um die Geburt Christi oder andere göttliche Bezüge geht es dort gar nicht, sondern es ist ziemlich materialistisch auf die Geschenke bezogen. Und das ist genau der Anknüpfungspunkt der Satire.

Geschenke gibt es nur dort, wo Geld für Geschenke da ist. Und Geld für Geschenke bleibt nur dann übrig, wenn dafür ein Anderer auf diese verzichten muss („Reiche haben Armut gern“). Reiche werden reicher („nur wer hat kriegt noch geschenkt“), aber das ist doch auch gar nicht so schlimm, weil Geschenke ohnehin nicht glücklich machen. Ich denke, die Botschaft ist grundsätzlich relativ klar. An diesem Gedicht ist – schaut man sich den Wikipediaartikel an – ziemlich heruminterpretiert worden. Man sieht es als Reaktion auf die soziale Spaltung der Weimarer Republik, man sieht es als neue Sachlichkeit und schließlich als ein politisches Gedicht. Unzweifelhaft präsentiert das Gedicht in jeder der sechs Strophen eine Möglichkeit, sich dennoch mit den Gegebenheiten zu arrangieren – bis hin zu dem Glauben an einen Gott, der im Original ja eben nicht vorkommt. Kästner ist dafür kritisiert worden, dass sein Gedicht nicht aufrührerisch, nicht revolutionär genug sei und sich damit eigentlich disqualifiziere, aber ich hatte – schon weit vor der Lektüre des Wikipediaartikels – das Gefühl, dass Kästner zwar keine Revolution anzettelt, aber dass er durchaus dieses revolutionäre Potenzial in sich trägt und dass es nicht darum geht, sich damit abzufinden, sondern dass mich da beißender Zynismus anspringt.

Man könnte noch ein Wort über die Worte verlieren. Es dekonstruiert jegliche Weihnachtsromantik und ich bin mir nicht sicher, was ich damit anfangen soll. Will Kästner dem Weihnachtsfest wirklich jegliche Romantik wegnehmen oder ist es ein Plädoyer für den spirituellen Wert Weihnachtens? Man könnte es auch so lesen, dass durch das radikale Aufgreifen des kommerziellen Anteils Weihnachtens der spirituelle, nachdenkliche und besinnliche Anteil Weihnachtens hervorgehoben wird. Oder ist eine Kritik an dem Fest an sich. Wenn es ohnehin nur noch um den Kommerz geht, kann man das Fest doch auch gleich weglassen, weil es ohnehin nur die Ungleichheit reproduziert.

Und mit diesen etwas unentschiedenen Worten futtere ich jetzt noch ein paar Weihnachtskekse und wir sehen uns nächste Woche dann mit einem echten Weihnachtsklassiker weiter. Fröhlichen 1. Advent euch!

 

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Lesefutter (2): Die großen Filialbuchhandlungen

Sie heißen Thalia oder Hugendubel und bepflastern seit einigen Jahrzehnten die Fußgängerzonen und Einkaufszentren der Republik. Mit ihren meist ziemlich großen Läden – im Vergleich zur kleinen Buchhandlung um die Ecke – haben sie ein ziemlich großes Sortiment im Laden stehen, alles andere wird innerhalb eines Tages geliefert – oder kommt direkt nach Hause durch den hauseigenen Onlineshop. Und neben dem Kerngeschäft von Büchern gibt es noch eine ganze Reihe Non-Book-Sortiment im Laden. Das können DVDs, CDs, Brettspiele, Kuscheltiere, Schreibwaren, Bastelbedarf, Fußball-Merchandise oder Kinderspielzeug sein – was an dem Standort gut funktioniert, wird verkauft. Größere Filialen haben ein eigenes Café integriert und eigene Abteilungen für Schulbücher und – an Universitätsstandorten – Unibücher gibt es auch. Also alles, was man braucht, gleich vor Ort. Großartig!

Leider sieht es dort auch dementsprechend aus. Die Mitarbeiter sind in ihrem Bereich durchaus halbwegs kompetent, aber sind von anspruchsvoller Sortimentsgestaltung weit entfernt. Man trifft dort in aller Regel das Sortiment der großen Verlage an, wirkliche Neuentdeckungen fernab des Mainstreams sind also kaum möglich. Und hat man einen speziellen Wunsch, kann man den Titel zwar problemlos bestellen – aber man sollte sich besser recht gut auskennen, ansonsten wissen die Mitarbeiter oft auch nicht weiter. Mir ging es mal bei einem englischen Buch so, dass ich ihn dann am hauseigenen Bestellcomputer schneller gefunden hatte als die angestellte Buchhändlerin. Übrigens, die Buchhändler dort: Es ist eben organisiert wie eine große Kette. Man hat viele Angestellte, dann die Filialleitung und irgendwo darüber sitzt dann die anonyme Holding. Wusstet ihr, dass Thalia bis Ende 2012 der Douglas-Gruppe gehörte und heutzutage einem „Konsortium um den Herder-Verlag“ gehört? Und Hugendubel? Gehört der DBH Deutsche Buchhandels GmBH & Co KG, ebenfalls eine Holding aus Hugendubel und Weltbild, die sich inzwischen zu Hugendubel „konsolidiert“ hat. Zwischenhändler für Hugendubel und Thalia ist übrigens eine Firma namens „Libri“, die bis vor einigen Jahren noch den ebook.de Onlineshop betrieben hat, aber inzwischen „nur“ noch die Infrastruktur des Zwischenhandels stellt. Libri selbst gehört der Familie Herz, die Firma, der auch die Holding gehört, die hinter Tchibo steht.

Alles klar soweit? Mir nicht mehr. Mein Internetbrowser hat inzwischen rund 25 verschiedene Seiten offen und ich hoffe, ich habe das jetzt halbwegs klar und nachvollziehbar dargestellt. Was ich damit sagen wollte: Thalia und Hugendubel sind anonyme Großkonzerne, die inzwischen einen ziemlich großen Teil des Buchmarktes kontrollieren. Die Sortimentsauswahl ist von den Interessen der Holding geleitet, es gibt mitunter detaillierte Vorgaben, wie die Regale einzuräumen sind und die Geschäfte sehen in nahezu jeder Stadt irgendwie gleich aus. Dort das Regal mit Fantasy, die englischen Bücher hinten in der Ecke und am Eingang eine Schütte mit reduzierten Artikeln. Von dem Geld, das ich ausgebe, bleibt ein Gutteil bei der Holding hängen – und obwohl der Buchhandel deutlich höhere Margen bietet als beispielsweise der Lebensmittelhandel, schlägt sich das nicht in Geldbeuteln der Mitarbeiter nieder. Und wenn da eine große Kette riesige Filialen baut, könnt ihr euch sicher denken, warum die kleine, persönliche Buchhandlung nebenan schließen musste.

Aber sind wir mal ehrlich. Es ist auch einfach bequemer. Man kann trotz der vorgegebenen Auswahl gut stöbern und findet eigentlich immer ein Buch. Oder ein Brettspiel. Oder ein Kuscheltier. Und das bequemste ist natürlich, sich ein Buch im Netz zu bestellen und es dann am nächsten Tag, wenn man ohnehin in der Stadt ist, abzuholen. Ein Komfort, den viele inhabergeführte Buchhandlungen nicht bieten. Und gerade bei englischen Büchern ist die Auswahl groß und die Preise fair – insbesondere, wenn man den hauseigenen Onlineshop nutzt. Warum die Preise im Onlineshop andere sind und man diese Preise nicht bei Lieferung in die Filiale bekommt – und dort auch nicht die Gutscheine einlösen kann, die Thalia so zahlreich unter das Newsletter-Volk streut – ist eine andere Geschichte und soll auf diesem Blog besser nicht erzählt werden.

Und so eine große Buchhandlung, hunderte Quadratmeter voller Bücher, oft mit Teppichen ausgelegt, ergeben nochmal eine ganz andere Atmosphäre als im kleinen Ladengeschäft. Ich gebe zu, ich bin häufiger mal dort und lasse mich inspirieren. Aber irgendwie sind mir diese Buchhandlungen weniger sympathisch. Dann kann ich ja eigentlich auch gleich bei Amazon bestellen. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Der blonde Eckbert – Ludwig Tieck

k-2016-11-08-23-48-36Man sagt gemeinhin, dass mit dieser Erzählung damals alle angefangen hatte. 1797 entstanden war es eines der ersten Werke, das einige typische romantische Merkmale aufweist, die in der Folge sehr populär werden und die europäische Erzähltradition nachhaltig prägen. Doch kommen wir zur Geschichte

Eckbert ist ein Ritter, der, zusammen mit seiner Frau ziemlich zurückgezogen in seinem Schloss lebt und bis auf einen einzigen Freund, Walther, niemanden hat, mit dem er Umgang pflegt. Eines schönen Abends bleibt Walther dann über Nacht und erfährt von der Geschichte seiner Frau. Sie wurde einst von zuhause fortgeschickt und kam dann zu einer Waldfrau, bei der sie den Haushalt führt und sich in ihrer Abwesenheit um Vogel und Hund kümmert. Als ihr die Arbeit gar zu müßig wird, verschwindet sie schließlich mit einem Topf voller Edelsteine und beginnt ihr neues Leben mit dem Ritter Eckbert. Doch der Freund erinnert sich an den Namen des Hundes und so schließt Eckbert, dass er etwas mit der Krankheit seiner Frau zu tun habe, erschießt ihn in seinem Wahn und freundet sich mit einem gewissen Hugo an. Von nun an wird es sonderbar. Hugo scheint Walther zu sein, Walther aber ist die alte Frau, vor der seine Frau damals, kurz bevor sie ihre Prüfung bestanden hätte, floh. Sie erzählt ihm noch davon, dass er der Halbbruder seiner verstorbenen Frau war.

Wenn man diese Geschichte liest, stolpert man notwendigerweise über das bizarre Ende. Hier zeigt sich eine weitere Besonderheit romantischen Erzählens (wir werden uns in dieser lockeren Serie dem immer weiter annähern, sodass ihr dann am Ende echte Romantik-Experten seid!): Der unzuverlässige Erzähler. Tiecks Erzähler ist höchstens am Anfang allwissend, später aber weiß er nicht mehr als die Figuren und erzählt die Geschichte so, wie die Figuren sie erleben. Und das führt dazu, dass wir den Wahnsinn, an dem Eckbert leidet unmittelbar mitbekommen und nicht mehr wissen, was davon jetzt Wahrheit und was davon die Ausgeburt des kranken Kopfes ist. Verstörend ist dies – und war dies für das zeitgenössische Publikum – vor allem deshalb, weil dieser Text zuerst in einer Sammlung von Volksmärchen erschien, es aber so gar nicht wie ein Volksmärchen wirkt und funktioniert. Und der Text bricht ständig mit den Erwartungen des Lesers. Der Ritter Eckbert ist alles, nur nicht das, was man sich unter einem Ritter vorstellt und letzten Endes geht es weniger um ihn, als um seine Frau. Die Binnenerzählung der Frau nimmt übrigens rein quantitativ betrachtet fast 60% des gesamten Textes ein, steht also viel mehr im Zentrum als die Rahmenhandlung um den Ritter.

1812 wird das Werk schließlich neu veröffentlicht, diesmal im Phantasus, einer Sammlung von Erzählungen, ganz ähnlich den einige Jahre später veröffentlichen Serapionsbüdern – Hoffmann sieht sich selber in der Tradition Tiecks. Tieck war ein Wegweiser für die Romantik. Er führt viele Aspekte ein, die später von seinen Mitstreitern perfektioniert und weiter ausgearbeitet werden.

Mir gefiel auch diese Geschichte außerordentlich gut. Ich finde es immer spannend, wenn der Wahnsinn thematisiert wird. Und dafür, dass diese Geschichte nicht mal dreißig Seiten umfasst, ist da jede Menge enthalten, da ist kein Wort falsch gesetzt und da steht kein Satz zufällig an seiner Stelle. Die Geschichte sollte man nicht aus dem zeitlichen Kontext herausreißen. Zeitgleich erschienen die großen Bildungsromane, in denen alles aufgeklärt wurde, in dem kein Geheimnis offenbleibt und der absolut transparent und abgeschlossen ist – und der blonde Eckbert ist der größtmögliche Gegensatz dazu. Die Geschichte bleibt nicht aufgelöst stehen und lässt Irritation zurück. Und ich finde es spannend, wenn Geschichten es nicht nur gut schaffen, mich zu unterhalten, sondern wenn sie es auch schaffen, mich zu irritieren. Für diese wegweisende Geschichte gebe ich 4/5 Sternen. Es ist vielleicht nicht übermäßig großartig – und wenn man nur einen schnellen Blick auf die Romantik werfen möchte, ist dieser Text vielleicht nur als guter Vertreter der Frühromantik geeignet, aber es ist definitiv ein lesenswerter Text, es macht Spaß, es ist interessant und anregend, ihn zu lesen. Aber vielleicht gäbe es gerade von Tieck noch Geschichten, die einen Tick bekannter und relevanter sind.

 

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Montagsfrage vom 21.11.2016

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Hallo zusammen und Herzlich Willkommen zur heutigen Montagsfrage!

Welcher/s Aspekt/Element deines zuletzt gelesenen Buches gefiel dir besonders gut?

Ich nehme dafür einfach mal das Buch, das ich gerade lesen und auf dessen letzten Seiten ich inzwischen bin – Widerfahrnis von Bodo Kirchhoff. Mir gefiel der völlig Verzicht auf Anführungszeichen ziemlich gut. Wörtliche Rede ist einfach in den normalen Text eingebettet, ohne Absätze und ohne Anführungszeichen. Was zunächst ziemlich verwirrend ist, führt später dazu, dass man viel näher und direkter am Geschehen dran ist und erzeugt so einen ganz bizarren Sog, in den man hineingezogen wird. Dieses Stilmittel ist übrigens wahnsinnig alt, schon in der Romantik wurde so Nähe erzeugt – und das finde ich hier ziemlich gut eingesetzt.

In diesem Sinne wünsche ich euch eine schöne Woche – hier gibt es neben einer schönen Rezi auch am Sonntag den ersten Post meines diesjährigen Weihnachtsprojektes zu lesen – und was das ist, mag ich hier noch nicht verraten.

Bis dahin!

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Heftromane Heute: John Sinclair Sonderedition #32: Ein Leben unter Toten

Von John Sinclair gibt es neben der regulären Heftromanreihe noch eine Sonderedition. Diese ist 15 Seiten länger als die normalen Bände und es handelt sich hierbei allerdings nicht um neue Texte, es sind laut eigenen Angaben Neuauflagen von Taschenbüchern aus der Zeit ab 1981, die nun wieder zweiwöchig in der Form des Romanheftes erscheinen. Tatsächlich habe ich – fleißige Heftromandokumentare aus dem Internet sei Dank – herausgefunden, dass es sich hierbei um das gleichnamige Taschenbuch vom 07.11.1983 und stammt vom Hauptautoren Jason Dark, das Cover wurde allerdings ein wenig modernisiert. Außerdem ist das Buch als Hörspiel erhältlich und ist das 83. Hörspiel der Hörspielreihe.

Doch kommen wir zum Inhalt. Eine ältere Dame, die sich mit Spukphänomenen beschäftigt, erhält einen Brief ihrer Bekannten, der so klingt, als sei sie in massiven Schwierigkeiten. Zusammen mit Geisterjäger John Sinclair macht sie sich auf den Weg zu diesem seltsamen Altenheim, wo sie untergebracht ist, doch sie kommt zu spät. Die Freundin ist bereits verstorben und wird gerade bei der Ankunft der Dame begraben. Weil die beiden sich vorher im Dorf umgehört haben, sind sie entsprechend vorsichtig, gehen einzeln vor, die Dame will sich regulär anmelden, Sinclair umschleicht das Gebäude, bevor dann in diesem wirklich sehr seltsamen Heim, in dem die Bewohner keinerlei Vergnügen haben, das Sommerfest beginnt, bei der bei sehr viel Wein auf dem Friedhof des Heims getanzt werden soll. Und heute soll das Spektakel steigen, der echte Doktor des Heims kommt zu Besuch – alle Damen sehen ihn zum ersten Mal. Und während Sinclair noch versucht, sich aus dem Sarg, in den er zwischenzeitlich gefallen ist, zu befreien, wird der Doktor – der kein geringerer als ein Ghul ist, schon nach oben geholt, Zombies steigen aus den Gräbern und eine regelrechte Schlacht beginnt, bei der im Wesentlichen die alte Dame gegen den Ghul kämpft und Sinclair im rettenden Moment auftaucht, er jagt den Ghul schließlich mit seinem geweihten Kreuz zu Tode und die Dame schafft es, die Zombies zu überwältigen.

Ich muss sagen, das war ein Heftroman genau nach meinem Geschmack. Natürlich ist das Thema etwas makaber, aber das ist für einen Gruselroman auch völlig normal. Es gibt jede Menge Action, das Thema ist gut verwoben, keine Nebenhandlungen, nur die Haupthandlung, die ständig vorangeht, alle paar Seiten passiert etwas, man ist detailliert am Geschehen dabei und es steht ständig voran. Da die beiden Charaktere später nebeneinander agieren und erst zum Showdown zusammentreffen, gibt es tatsächlich etwas szenische Abwechslung – was natürlich dem Actiongehalt geschuldet ist, aber der Geschichte auch einen hübschen Drive verleiht. Die Geschichte ist natürlich – es sind auch nur 80 Seiten und die Handlung ist abgeschlossen – nicht besonders komplex, aber sie ist dafür auch komplett erklärt, es gibt eine vollständige Aufklärung der Hintergründe, soweit das geht, aber es ist alles schlüssig, abgeschlossen und ergibt einfach eine runde Geschichte.

Schon zum zweiten Mal habe ich mit John Sinclair ziemlichen Spaß gehabt und ich finde, es zeichnet sich ein Muster ab. Diese ganzen heiligen Gegenstände sind wohl so der Clou dieser ganzen Serie. Ich finde zwar, man könnte das noch ein wenig in den Vordergrund rücken, aber vermutlich wurde das in den ersten Jahren so viel gemacht, dass das inzwischen einfach noch ganz normal erscheint. Für mich als Neuling ist natürlich noch etwas mehr erklärungsbedürftig. Dennoch gebe ich hier gute 4,5/5 Sternen für ein super erzählten Heftroman, mit dem man einfach und ungezwungen eine Stunde Vergnügen haben kann. Und ich kann mir gut vorstellen, in einiger Zeit mal wieder in diese Reihe reinzuschauen.