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Sommer 1927 – Bill Bryson

Bill Bryson schreibt viele verschiedene Bücher. Populärwissenschaftliche Titel habe ich schon gelesen, jede Menge Reiseromane und gerüchteweise gibt es auch noch Bücher über Sprache und Literatur von ihm. Ich lese ja grundsätzlich alles, was ich von Bryson in die Finger bekomme – gut, dieses Mal habe ich das Buch gehört, was aber der Tatsache, dass ich die Bücher Brysons stets mit Genuss lese, keinen Abbruch tut. Ich muss zugeben, ich wusste jedoch bei diesem Buch nicht so wirklich, in welche Kategorie ich es einordnen sollte. Es ist eine Art Reise, jedoch in der Zeit zurück. Populärwissenschaft ist es auch nicht, am ehesten so eine Art Sammelbiografie oder Geschichtsbuch.

Also, worum geht es? Um den Sommer 1927 eben. Doofe Frage. Dieser Sommer wird chronologisch erzählt, setzt aber immer wieder thematische Schwerpunkte. Wir befinden uns in den USA in einem historischen Sommer, in dem einige Ereignisse passieren, die die spätere Entwicklung in den USA und weltweit prägen – dabei ist das Geschehen nicht streng auf den Sommer beschränkt, Handlungsstränge werden schon abgeschlossen, aber sie beziehen sich alle auf den Sommer. Thematisch geht es schwerpunktmäßig um den Atlantikflug von Charles Lindbergh, die große Flut um den Mississippi, die Baseball-Saison mit Babe Ruth und dem Erfolg der New York Yankees, es geht um die Präsidentschaft Coolidges, das neue Model A von Ford und dessen Versuche, Kautschukdörfer in Südamerika zu errichten, die Wirtschaftskrise, die Prohibition, um Anarchisten und deren Exekution, um die Erfindung des Fernsehens und um große Kinos, die dann auf die Entwicklung des Tonfilms reagierten. Weitere Themen wie Charles Ponzis seltsames Gewerbe und die Geschicke der Van Sweringen Brüder werden angerissen, die Hitzewelle in diesem Sommer ist ein Thema und zu allen diesen Ereignissen werden auch noch Hintergründe geliefert.

Dabei sind die Ereignisse alle lose miteinander verbunden, das Buch ist verschiedene Abschnitte gruppiert, die jeweils einen Monat umfassen – und alles, was dann in diesem Monat besonders relevant wird, ist dort ausführlicher beschrieben. Der Stil ist ziemlich schwierig zu beschreiben und auch nicht ganz einfach zu erfassen, aber nach einigen Kapiteln hat man den Dreh raus und kann der Geschichte ganz gut folgen – denn irgendwie hängen dann doch ziemlich viele Ereignisse in irgendeiner Form zusammen, auch wenn dieser Zusammenhang sich nicht sofort erschließt.

Ich muss sagen, ich hatte viel Spaß bei der Lektüre dieses Buches. Das liegt vor allem daran, dass ich mich mit den USA in kultureller Hinsicht nahezu gar nicht auskannte, die angesprochenen Personen waren mir zwar teilweise vage bekannt, aber es fühlte sich für mich an wie eine neue Welt, in die ich durch dieses Buch eintauche. Selten liest man solche Berichte über die Zwanziger, zumindest in meiner Wahrnehmung habe ich die Zwanziger nie so voller kultureller Revolutionen gesehen. Bryson schafft es mal wieder – auch wenn hier natürlich wie in den populärwissenschaftlichen Büchern schon die Selbstironie, die Bryson in seinen Reiseberichten an den Tag legt, etwas zu kurz kommt – gut zu unterhalten und dabei vor allem auch so viel Informatives zu erzählen, das über das normale Wikipedia-Wissen hinausgeht. Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich die amerikanische Gesellschaft nach der Lektüre verstehe, aber es hat mir auf jeden Fall eine neue Perspektive eröffnet und mich dennoch eigentlich nie gelangweilt. Obwohl ich mit Baseball nichts anfangen kann – was auch daran liegt, dass ich das Spiel nicht verstehe – war ich von den Geschichten über Babe Ruth niemals gelangweilt. Und das ist für ein über 600 Seiten Buch ohne echte Handlung schon eine gewaltige Leistung. Noch mehr auch – ich kann mir nach der Lektüre des Buches auch vorstellen, noch mal ähnliche Bücher über Kulturgeschichte zu lesen, obwohl ich nicht unbedingt als großer Sachbuchfan bekannt bin. Vielleicht sollte ich mir Sachbuchfresser.de auch noch registrieren?

Ich verbleibe für dieses Buch jetzt aber mal mit 4,5/5 Sternen, einen kleinen Abzug dafür, dass es mir als nicht-Amerikaner doch öfters mal schwer fiel, alles richtig einzuordnen, gerade geographische und sportliche Begriffe hätten für meine Begriffe noch etwas mehr erklärt werden können – wobei es durchaus auch für Nichtkenner gut zu lesen ist. In jedem Fall ein interessantes Buch – das zudem noch so nett ist, im Anhang ausführlich zu erklären, wie die ganzen angefangenen Handlungsstränge dann nach dem Sommer 1927 weitergingen.

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