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Gemeinsam Lesen #6

Gemeinsam Lesen 2Jetzt sagen’se nicht, es ist schon wieder Dienstag? Nachdem ich gerade einen modernen Balletabend genießen durfte, fiel mir auf dem Rückweg ein, dass ich ja heute noch Bloggen wollte. Vor lauter lesen ist das total untergegangen. Also nun hier die Aktion Gemeinsam Lesen für diese Woche:

1. Welches Buch liest du gerade und auf welcher Seite bist du?

„Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell aus Seite 350.

2. Wie lautet der erste Satz auf deiner aktuellen Seite?

Deshalb halte ich es für wichtig, dass wir unsere Beziehungen zu ihnen wieder verbessern.

3. Was willst du unbedingt zu deinem aktuellen Buch loswerden? (Gedanken dazu, Gefühle, ein Zitat, was immer du willst!)

Es ist unglaublich schwierig. Die Wohlgesinnten erzählt den zweiten Weltkrieg und den Holocaust aus der Perspektive eines fiktiven SS-Offiziers und das ist wirklich harter Tobak. Es fällt schwer, sich klarzumachen, dass dieser Ich-Erzähler, zu dem man durchaus geneigt ist, einiges an Empathie zu empfinden, unaussprechliche Verbrechen begeht. Ein sehr eindrucksvolles Buch, ich bin gespannt auf die gut 1000 Seiten, die noch Folgen, aber ich denke schon jetzt, dass das Buch einen wichtigen Beitrag dazu leisten kann, den Nationalsozialismus zu demystifizieren und eindringlich klar zu machen, dass nicht alle Nazis gestörte Geisteskranke Fanatiker waren, wie es gerne mal dargestellt wird, um die begangenen Verbrechen auf die Verführungskünste von Verrückten zurückzuführen und damit zu negieren, dass es einen breiten gesellschaftlichen Rückhalt gab, damit die Täterrolle des deutschen Volkes zu negieren. Ich gebe zu, etwas kontroverse Meinung, aber ich finde, das Buch legt das durchaus nahe.

4. Welcher Charakter aus deinem aktuellen Buch ist dir am sympathischsten? Was würdest du gerne mit ihm/ihr unternehmen, wenn du ihn/sie treffen könntest?

Ha. Haha. Diese Frage passt total gut. Was soll ich denn darauf antworten? „Natürlich würde ich gerne mit Dr. Aue mal ein paar Juden erschießen, Ehrensache, hm?“ Nein. Natürlich nicht. Ich denke, das muss ich auch nicht klarmachen und mich davon auch nicht in endlosen Monologen distanzieren; dass das Unsinn ist, ist ja klar. Aber dass man durchaus eine gewisse Sympathie für Dr. Aue hat, ist denke ich auch ein ganz gewollter Prozess, um seine eigenen Empathiefähigkeiten daran zu reflektieren. Ich glaube, die eine Person, die ich wirklich gut fand, war ein älterer jüdischer Herr, der auf dem Weg zu den Erschießungen einem Offizier folgendes sagte:

„Ich weiß, was Sie hier tun“, sagte der Mann ruhig. „Es ist ungeheuerlich. Ich wollte Ihnen nur wünschen, dass Sie diesen Krieg überleben, damit Sie in zwanzig Jahren Nacht für Nacht schreiend aus dem Schlaf schrecken. Ich hoffe, dass Sie Ihre Kinder dann nicht anblicken können, ohne die unseren zu sehen, die Sie ermordet haben.“

(Die Wohlgesinnten von Jonathan Littel, Berlin 2008. S. 344-345)

Und mit diesen Worten lasse ich euch für heute alleine. Gute Nacht.

 

2 Kommentare

  1. Hi!

    Das klingt wirklich nach einen richtig harten und aufwühlenden Buch. Dass es keinen richtigen Sympathieträger gibt, kann ich da gut verstehen. Bei der Thematik fällt es mir schwer, dir viel Spaß beim Lesen zu wünschen, aber ich hoffe, dass dich das Buch auch noch weiterhin fesseln kann!

    Liebe Grüße
    Dahlia

    • Das perfide ist ja, dass Aue durchaus als Sympathieträger angelegt ist, aber man natürlich das Problem hat, mit einem Holocausttäter zu sympathisieren, was ja ein absolutes Tabu ist. Danke für deinen Kommentar, das Buch wird mich mit seinen 1400 Seiten sicherlich noch ein paar Tage begleiten.
      Beste Grüße
      Flo

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