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Marianengraben – Jasmin Schreiber

Scheinbar ist vorablesen nicht allzu nachtragend und hat mich aufgrund meiner viel zu späten Rezension zum neuen Artemis-Fowl Buch nicht lebenslänglich von der Verlosungsliste gekickt, denn schon ein paar Wochen später habe ich wieder einen Titel gewonnen: Marianengraben von Jasmin Schreiber. Das Buch wurde mir über Twitter dutzende Male in die Timeline gespült und so dachte ich, werfe ich meinen Leseeindruck in den Ring. Nun, wenige Tage später kam das entsprechende Buch bei mir an und inzwischen habe ich es auch gelesen. Heute ist der offizielle Erscheinungstag, anscheinend ist es aber schon seit einer Woche in den Läden, weil der Großhandel es zu früh ausgeliefert hat.

Die Geschichte dreht sich um Paula. Paula ist nach dem Tod ihres Bruders in eine ziemlich tiefe Depression gerutscht und soll im Rahmen einer Therapie mal das Grab ihres Bruders besuchen. Da sie dort ungerne gesehen werden möchte, bricht sie nachts auf dem Friedhof ein. Sie trifft dabei Helmut, der gerade die Urne seiner Ex-Frau ausgräbt, um ihre Asche an ihrem Lieblingsort zu vergraben. Paula hilft Helmut spontan bei seinem Unterfangen, sie weiß auch nicht, wie sie auf diese Idee kam, aber jedenfalls stolpern sie bei der Flucht vor dem Friedhofswärter, Paula fängt die Urne, leider ergießt sich ein Teil der Asche auf sie. Weil Helmut natürlich kein Gramm seiner Ex-Frau verlieren möchte, bittet er Paula, mit ihm zu kommen, er würde ihre Kleidung ausklopfen und auswaschen und bittet sie in einer Duschmatte aus Kaffeefiltern zu duschen, damit er alle Asche einfangen kann. Aus dieser kuriosen Begegnung entwickelt sich eine seltsame Freundschaft und ein faszinierender Road-Trip mit Hund und Henne. Mehr soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Die Kapitel tragen eine absteigende unregelmäßige Nummerierung, die irgendwo über 11000 beginnt und schließlich bei 0 aufhört. Ich denke, es ist nicht zu viel verraten, wenn ich jetzt erzähle, dass es sich beim im Buch beschriebenen Marianengraben um eine Metapher für Depressionen handelt. Es handelt sich ausdrücklich nicht um eine Lovecraft’sche Gruselgeschichte mit Tentakelmonstern aus der Tiefsee, auch wenn das Cover das suggeriert. Es geht auch in dem Roadtrip witzigerweise in die Berge, was man natürlich auch als fortgesetzte Metapher des Auftauchens verstehen kann, die sich eben auch in der Kapitelbezeichnung niederschlägt.

Viele Rezensenten des Buches beschrieben es als ein zugleich unglaublich trauriges und doch amüsantes Buch, das mit dem Tod zwar respektvoll umgeht, aber ihn dennoch zum Ausgangspunkt von etwas Heiterem macht. Das liegt natürlich zum einen an der Geschichte, die eine gewisse Komik sicherlich in sich trägt, aber auch am Schreibstil der Autorin. Zum einen bietet die Ich-Erzählerin genug Einblicke in ihre Innenwelt, um zu verstehen, was gerade passiert. Zum anderen ergibt sich die Komik und gleichzeitig die Tragik der Geschichte aus den Dialogen von Paula mit Helmut, die dem Wesen von Paulas Depression langsam aber sicher auf den Grund gehen können.

Seit Roland Barthes wissen wir, dass der Autor mit dem Text nicht in Verbindung zu bringen ist. Vielleicht sollten wir diese Position angesichts einer neuen Generation von Literaten revidieren. Saša Stanišić hat im letzten Jahr schon mit dem Roman ‚Herkunft‘ seine Autobiographie literarisch verarbeitet und auch bei Jasmin Schreiber finden sich wohl keine zufälligen Parallelen zur Protagonistin Paula – Schreiber ist wie die Protagonistin Biologin, leidet unter Depressionen und bedankt sich ‚natürlich auch‘ bei ihrem Bruder. Dass sie sich in dem Buch mit dem Tod auseinandersetzt, hängt vielleicht auch mit Schreibers Tätigkeit als Sterbebegleiterin zusammen und das Verhalten von Paula, unter jedes Blatt zu schauen und nach den Insekten Ausschau zu halten, hat sie mit ihrer Autorin, die auf Twitter versucht eine #schneckenbubble zu etablieren, gemein. Viele Worte um zu sagen, dass es einen Trend zu geben scheint, persönliche Erfahrungen in den Protagonist*innen zu spiegeln und die Bücher so zu einer Art autobiographischer Fiktion zu machen.

Mir gefällt das gut. Ich mochte das Buch insgesamt sehr gerne, weil es eben diese schweren Themen, wie den Verlust eines Familienmitgliedes oder auch das Vereinsamen im Alter aufgreift und einen dabei gleichzeitig zum Weinen wie zum Lachen bringt. Das Buch ist dabei gar nicht besonders dick und verzichtet komplett auf Nebenhandlungen – von einigen tierischen Handlungstragenden mal abgesehen. Insofern kann ich Jasmin Schreibers Debütroman vorbehaltlos empfehlen und gebe gerne 5/5 Sternen. Vielleicht ist es noch etwas früh dafür, aber ich halte das Buch schon jetzt für eines meiner Lesehighlights des Jahres.

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  1. Pingback: Montagsfrage vom 23.03.2020 | Romanfresser.de

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