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Clemens Brentano – Der Spinnerin Nachtlied

Das erste Gedicht in dieser Reihe und gleich geht es um einen richtigen Klassiker, ein Gedicht, wie es klischeehafter nicht sein könnte. 1803 veröffentlicht und damit mitten in der Romantik, ist das wohl eines der am häufigsten im Schulunterricht besprochenen Gedichte. Und es bietet sich ja auch gut dafür an, denn man kann einige Aspekte am Gedicht besprechen.

Das Gedicht ist in sechs Strophen zu je vier Versen gegliedert, jeder Vers umfasst drei Jamben (betont-unbetont) und abhängig vom Versende sechs oder sieben Silben. Das Reimschema ist ebenso regelmäßig, abba, cddc, abba, cddc, abba, cddc – insgesamt nur vier verschiedene Reimwörter, die sich alle zwei Strophen wiederholen.

Diese Wiederholung der Reimwörter ist natürlich kein Zufall, sondern schlägt sich direkt im Inhalt des Gedichts nieder. Prinzipiell beweint eine Spinnerin ihre verlorene Liebe, sie spinnt beim Vollmond und beweint die vergangenen Zeiten, da sie noch bei ihrer Liebe war, der Gesang der Nachtigall erinnert sie an diese Zeiten, bei jedem Gesang von ihr kocht erneut der Schmerz in ihr hoch und sie möchte sofort wieder in Tränen ausbrechen – und das ganze scheint schon eine ganze Zeit so zu gehen, stets singt die Nachtigall während die Spinnerin spinnt und ihr Nachtlied singt.

Diese Wiederkehr des Gesangs der Nachtigall wird im Gedicht durch die Wiederholung dargestellt. Die Strophen 1 und 2 etablieren prinzipiell das gesamte Wortinventar des gesamten Gedichts; die weiteren vier Strophen wiederholen diese Aussagen noch zweimal mit nur geringen Abweichungen. Diese Regelmäßigkeit verweist nicht nur auf das sich stets drehende Spinnrad, sondern auch auf die Regelmäßigkeit des Schmerzes, bei jedem Ruf der Nachtigall, jede Nacht aufs Neue durchlebt die Spinnerin den Schmerz der verlorenen Liebe.

Der Faden, der klar und rein gesponnen wird (und in den Wiederholungen durch das Herz und den Mond ersetzt wird), könnte als Leben verstanden werden, das rein bleiben wird, da die Spinnerin ihre Sehnsucht nach dem Verflossenen nie überwinden kann – was auch immer mit ihr passiert.

Es lohnt sich auch nochmal auf die Unterschiede zwischen den Strophen einzugehen – Strophe 1, 3 und 5 und 2,4 und 6, die zwei Gegensätze bilden, die sich nicht nur durch den Leitvokal (a vs. i), sondern auch durch zwei verschiedene Tempi (Präteritum vs. Präsens) unterscheiden – es sind auch zwei verschiedene Situationen, die beschrieben werden. Im ersten Strophenbündel wird die Zeit der Liebe beschrieben, die schöne Zeit, wie man sich mutmaßlich im Mondschein geküsst hat, das zweite Strophenbündel beschreibt die elende Situation im Hier und Jetzt.

Ich finde das Gedicht persönlich relativ unspannend. Man kann zweifelsohne gut die Motive der Romantik erkennen, die Sehnsucht, durch den Mond verkörpert, die Konzentration auf Gefühle, auf Emotionen, die starke Rolle des lyrischen Ichs und des Individuums, dem hier maximaler Raum gegebene wird, aber das Gedicht spricht mich an sich nicht weiter an. Der Strophendualismus ist sicherlich spannend und gerade für Formanalysen ist das Gedicht wirklich großartig – aber die melancholische Stimmung des Gedichts, die durch die enorm regelmäßigen Verse und die recht monotonen Reime induziert wird, schwappt nicht wirklich auf mich über. Weder finde ich das Gedicht besonders kunstfertig, noch spricht es mich inhaltlich wirklich an. Aber das mag vielleicht jeder anders sehen, ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Gedicht – vielleicht mit einer passenden Vertonung, dafür eignet sich dich das romantische Gedicht an sich und dieses im speziellen besonders gut – durchaus sehr stimmungsvoll sein kann.

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