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Kruso – Lutz Seiler

Cover von Kruso

 


Kruso hat den deutschen Buchpreis 2014 gewonnen. Ich sah den Autoren auch auf der Buchmesse und wurde so auf das Buch aufmerksam, habe es aber zunächst nicht weiter beachtet. Bis ich es dann neulich zum günstigen Preis erstehen konnte.

Kruso ist, wie der Name schon andeutet, ein Inselroman. Genauer gesagt geht es um die Insel Hiddensee in der DDR, die als Ort für gesellschaftliche Aussteiger bekannt war. Mit Ed begegnen wir auch einem derartigen Aussteiger, der nach dem Verschwinden seines Katers dorthin verschwinden möchte und tatsächlich eine Anstellung als Spülkraft bekommt. Dort kommt er mit Kruso, einem der angesehensten Saisonkräfte in Kontakt und lernt die eigene Dynamik der Inselangestellten kennen. Denn was dort auf der Insel passiert, scheint seinen eigenen Lauf zu gehen. Offenbar gibt es viele Neuankömmlinge, die sich dort verstecken und dort untergebracht werden, detailliert wird beispielsweise beschrieben, wen Ed so alles in seinem Zimmer vorfindet. Doch diese sind nur einige Tage auf der Insel und dann wieder verschwunden. Währenddessen kippt jedoch die Stimmung bei den Saisonkräften. Immer mehr Leute verlassen die Insel, bis Kruso und Ed den Laden am Ende völlig alleine schmeißen. Im Radio ist irgendwann zu hören, dass die Grenzen offen seien.

Kruso ist ein faszinierender Roman. Zum einen schafft es der Roman relativ ausführlich die träumerischen Innenwelten von Ed darzustellen und erzählt scheinbar sehr viel und sehr detailliert, andererseits werden andere Sachen nur chiffriert dargestellt – ohne dass die Schlüssel mitgeliefert werden. Man kann sich denken, dass Kruso den Leuten zur Flucht hilft, aber das kommt im Roman quasi gar nicht vor. Auch der Umgang mit Sex ist im Roman sehr ambivalent dargestellt, einerseits wird Eds Sexualität durchaus explizit thematisiert, andererseits bleiben die ganzen jungen Frauen, die in seinem Zimmer versteckt werden, bis auf eine Ausnahme völlig anonym und dass dort sexuelle Handlungen passieren, ist auch nur meine Deutung des Geschehens. Vergleichbar die Darstellung der Wende: Der aufmerksame Leser kann durch die Datumsangaben ziemlich gut nachvollziehen, was wohl passiert sein muss, aber um die Zeit der Wende selbst fällt das Radio aus und Kruso und Ed bleiben im Dunklen darüber und merken nur, dass sich immer mehr Leute von der Insel absetzen, bis Ed selbst schließlich kurz davor ist, es selbst zu tun, aber sich wieder auf seine Zugehörigkeit zur Insel besinnt.

Der Epilog bricht ein wenig mit der vorigen Erzähltradition, denn er erzählt Eds Nachforschungen in Bezug auf die Fluchtopfer, hier scheint es mir so, als würde sich die fiktionale Ebene mit der faktualen Ebene sehr stark vermischen, Seiler deutet im Nachwort an, dass der Rechercheprozess im Groben wohl sein eigener war. Das ganze Buch basiert ja durchaus auf einem wahren Kerngerüst, die Insel Hiddensee und die Flucht wurde wohl relativ wahrheitsgetreu dargestellt, natürlich ergänzt um diese fiktionalen Charaktere. Wie viel Wahrheit in den ganzen Riten und Kulten der Saisonkräfte steckt, weiß wohl nur jemand, der selbst auf Hiddensee war. Und wie sexuell befreit es auf Hiddensee zuging, auch. Im Roman klingt mitunter eine homoerotische Beziehung von Kruso und Ed durch, generell wird mit Nacktheit und Sexualität sehr offen umgegangen.

Was mich noch ein wenig verwirrt hat, war die Rolle Georg Trakls. Dieser Dichter, der in der Regel dem Expressionismus zugeordnet wird, spielt immer wieder eine große Rolle, Ed wird häufig aufgefordert, von ihm zu zitieren, aber offenbar ist diese Lyrik in der DDR verboten oder tabuisiert. Krusos Lyrik scheint sich – auch wenn man davon nichts liest – in die Tradition Trakls einzufügen. Warum jetzt genau Trakl, von dem ich nur ein paar Verse kenne, hier so prominent vertreten ist, kann ich noch nicht so wirklich zuordnen. Ich könnte mir vorstellen, dass Trakls Dichtung ähnlich chiffriert ist und mit vergleichbaren Symboliken arbeitet, wie das in der DDR der Fall war, ich denke da beispielsweise an Farbsymbolik, die darstellen könnte, dass es im System DDR, wie auch in der Vorkriegszeit des ersten Weltkrieges im Bestehenden keine Erlösung geben könnte – im Kontext des ersten Weltkrieges wurde häufig von der reinigenden Kraft des Krieges gesprochen.

Alles in Allem bleibt auch nach der Lektüre des Romans noch einiges im Dunkeln, aber wer Lust hat, sich mal mit einem etwas anderen DDR-Roman zu beschäftigen und mal eine etwas andere Form von Literatur zu lesen, ist mit Kruso sicherlich gut beraten. Ich fand die Lektüre durchaus anspruchsvoll und bereichernd und würde sagen, der Buchpreis wurde völlig zu Recht für ein spannendes und wichtiges Thema vergeben, das sehr kunstvoll umgesetzt wurde. In diesem Sinne gebe ich gerne volle 5/5 Sternen.

2 Kommentare

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