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Das Majorat – E.T.A. Hoffmann

Mal wieder E.T.A. Hoffmann. Man könnte meinen, nach den 28 Erzählungen und dem Roman habe ich Hoffmann schon zur Genüge gelesen, aber mitnichten. Heute soll es um eine Erzählung aus den Nachtstücken gehen, einer zweibändigen Sammlung von Erzählungen, die ungefähr fünf Jahre vor den Veröffentlichungen der Serapionsbrüder erschienen ist. Die bekannteste Erzählung aus den Nachtstücken ist sicherlich der Sandmann, den wir uns aber ein andermal ansehen werden.

Ein Jüngling begleitet seinen Großonkel dabei, die Angelegenheiten eines alten Majorats zu regeln, um das Geschäft des Justiziares zu lernen. Dabei passieren merkwürdige Sachen. Der Jüngling nimmt einen Spuk war, dann begegnet er der Tochter des Hauses und nähert er sich mit seinen Fähigkeiten an Klavier und Gesang ihr an und hat einen glücklichen Erfolg bei der Jagd Dabei gerät er allerdings an einige – unter anderem seinen Großonkel – die ihn davor warnen, sie zu nah mit der Familie einzulassen. Und tatsächlich passiert eines Nachts auch ein Unglück – die Tochter des Hauses scheint im Sterben zu liegen. Insgesamt ist der Jüngling, Theodor, allerdings so überfordert mit den Ereignissen, dass ihm der Großonkelz einige Zeit später die Geschichte des Majorats erzählt:

Roderich d.Ä. richtete ein Majorat ein. Nach seinem rätselhaften Tod, bei dem gleichzeitig ein Turm einstürzte, übernahm sein erstgeborener das Majorat, wurde jedoch kurz darauf im Haus ermordert und der zweitgeborene übernahm das Majorat. Als nun jener zweitgeborene stirbt und sein Sohn sich Hoffnung auf das Majorat macht, hat der Justiziar das Geheimnis des Erstgeborenen enthüllt – er hatte aus einer geheimen Ehe einen Sohn, dem nun das Majorat zusteht. Allerdings geht das Majorat mit ihm in der Tochter des Hauses, die kurz nach Theodors Besuch stirbt, unter – und auch der Leuchtturm, der an der Stelle gebaut wurde, bringt keine Erlösung vom Spuk.

Was an dieser Erzählung als erstes auffällt, ist die Erzählstruktur. Zuerst gibt es diesen Spukfall, der erzählt wird und zunächst unerklärt stehen gelassen wird. Auch als Leser hat mein eigentlich überhaupt keine Idee, was in diesem Haus gerade passiert, was das jetzt eigentlich sein soll und warum und wo und überhaupt. Erst im zweiten Teil wird der Fall dann nach und nach aufgerollt und es wirkt zunächst alles wie eine völlig andere Geschichte, bis dann die Verbindung vom Leser selbst gezogen werden kann und klar wird, warum der erste Teil so geschehen ist, wie er geschehen ist.

Der Spuk selbst wird nicht vollständig aufgeklärt, man könnte es als eine Form eines „Geistes der Vergangenheit sehen“, also als Metapher für die dunklen Geheimnisse, die dieses Haus trägt. Man weiß ja inzwischen, dass Spukphänomene häufig an Orten gesichtet werden, die irgendeine unangenehme Geschichte mit sich tragen, dass also Menschen an solchen Orten besonders empfänglich für Spuk sein können. Das erklärt jetzt noch nicht die konkrete Spukwahrnehmung Theodors, aber aus heutiger, wissenschaftlicher Sicht würde das den Spuk erklären, literarisch würde ich ihn, wie angesprochen, als „Bedrohung aus der Vergangenheit sehen“, das natürlich mit dem eingestürzten Turm, in dem es alchemistische Experimente gab, wunderbar korrespondiert und eine grandiose Schauergeschichte ergibt. Heutzutage ist das sicherlich nichts besonders Gruseliges mehr, aber vor 200 Jahren war genau dies das Nonplusultra der Schauergeschichten, die auch die englische Gothic Novel beeinflusst haben.

Ich mochte diese Geschichte sehr. Hoffmann verwebt hier eine kunstvolle Erzählweise mit einer klassischen Schauergeschichte. Solche Schauergeschichten hatten wir im Rahmen der Serapionsbrüder einige Male, auch solche kunstvollen Erzählungen sind für uns Hoffmann-Leser nichts Ungewöhnliches, aber für sich gesehen ist das hier in meinen Augen ein absolutes Meisterwerk. Es ist nicht unbedingt eine der großen Geschichten von Hoffmann, die es zu Weltruhm brachten, aber es ist eine tolle Erzählung, zweiteilig und etwas umfangreicher und dennoch so kompakt, dass man es an einem Nachmittag gut weglesen kann.

In diesem Sinne vergebe ich für diese wundervolle Geschichte gerne mal 4,5/5 Sternen. Sie ist definitiv nicht eine der Top-3 Geschichten romantischen Erzählens, aber dennoch eine sehr lesenswerte, etwas gruselige, etwas anspruchsvolle Geschichte – mir fiel es ab und zu etwas schwer, die ganzen Generationen immer auseinander zu halten.

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