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Er ist wieder da – Timur Vermes

Cover von Er ist wieder da

 

Lange bin ich um dieses Buch herumgeschlichen. Habe es gefühlte 100mal in der Hand gehabt, auch jetzt, seitdem die Weltbild-Edition erschienen ist stand ich mehrmals kurz davor, sie auch zu kaufen. Aber irgendwas hat mich immer davon abgehalten, ich war mir nicht sicher, wie ich dazu stehen soll. Kein Wunder, dass ich dann in der Onleihe kompromisslos zugeschlagen habe.

Hitler ist in Deutschland sehr überrepräsentiert. Kein Tag vergeht, an dem nicht irgendeine neue Hitlerparodie das Licht der Welt erblickt und gefühlte 10 Stunden am Tag laufen diverse Hitlerdokus im deutschen Fernsehen. Einige davon sind ganz gut, aber in vielen weiteren (Mein Höhepunkt: St. Pauli unterm Hakenkreuz) wir der Mythos Hitler fröhlich zelebriert und es wird mystifiziert, was das Zeug hält – allem voran natürlich das Buch “Mein Kampf”, dieses “legendenumwogene Werk des Führers”. Ich glaube, das sollte ich hier mal rezensieren, aber ich müsste es ja dafür erst mal lesen.

Wie auch immer, in Er ist wieder da taucht Hitler auf. In Berlin, einfach so, auf dem nichts taucht er auf und weiß nicht, in welcher Zeit er sich befindet. Taucht er zunächst bei einem Kioskbesitzer unter, schafft er es schnell, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Alle gehen davon aus, er sei ein Comedian mit einer neuen Hitler-Parodie, so bekommt er eine eigene Fernsehsendung. Er wird immer bekannter und selbst die Bildzeitung berichtet groß über ihn. Es wird etwas schwierig, weil er nie seinen echten Namen nennt, aber das passt schon irgendwie, der Sender biegt das für ihn richtig hin. Auf der Welle seines Erfolges reitend besucht er das Oktoberfest und mietet sich im Prenzlauer Berg ein. Von Skinheads zusammengeschlagen und im Krankenhaus wieder zurechtgebogen plant er seine erste Buchveröffentlichung und damit eine neue Propagandaoffensive.

Ich weiß nicht genau, wie ich das Buch finden soll. Einerseits ist es ziemlich schockierend, es wirkt überraschend real und man beginnt schon recht schnell, mit Hitler zu sympathisieren und sich für ihn zu freuen. Man lacht nicht mehr über ihn, sondern mit ihm, ich fand es total super, wie er es der Bildzeitung gezeigt hat und man vergisst hier, dass man es mit dem Anführer des Regimes zu tun hat, unter dem Millionen Menschen auf grausamste Weise ermordet wurden. Ich hatte auch Schwierigkeiten, mir das einzugestehen, aber ja. Ich habe in diesem Buch mit Hitler gelacht. Das ist vom Autor auch so gewollt, genau das ist der Zweck des Romans, diese Selbstreflektion und das Grübeln darüber, ob Hitler in der heutigen Zeit wirklich keine Chance mehr hätte, wie man es gerne so sagt. Für diese Intention muss ich den Roman loben. Ich habe diesen Reflektionsprozess für mich relativ schnell abschließen können, weil ich mir dessen ziemlich gut bewusst bin und die Gefahren einer möglichen Radikalisierung des deutschen Volkes durchaus sehe und auch gut kenne.

Ich denke, viel mehr braucht zu diesem Buch auch nicht gesagt werden, ich gebe hier gerne die Höchstwertung, denn wenn dieses Buch nur eine Person dazu bewegen kann, mal über das Thema zu reflektieren, dann hat es sein Ziel erreicht. In diesem Buch, dass auf den ersten Blick wie eine gute Hitlersatire wirkt, steckt noch einiges mehr drin, weshalb ich es für sehr lesenswert erachte.

Kann dieses Buch einen Schaden anrichten? Nur bei Menschen, die schon einen Schaden haben. Ich glaube kaum, dass man dieses Buch irgendwie missbrauchen kann – und ich würde derartige Kritik auch gnadenlos abprallen lassen. Das Buch tut viel zur Demystifizierung Hitlers und hat sicherlich seinen Platz oben an der Bestsellerliste verdient. Lest es. Es kostet schlappe 19,33€ – welch ironische Preisgestaltung. Achja. 5/5 Sternen, falls ich es noch nicht erwähnt habe.

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