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Über das Lesen: Feuilleton vs. Blümchenblog

Vor einiger Zeit wurde ich via Twitter auf einen Blogpost von Alexandra[1] aufmerksam, die über den Gegensatz von seriöser Literaturkritik und privaten Blogs schrieb. Alexandra sieht einen Gegensatz zwischen Menschen, die hobbymäßig über leichte Literatur schreiben und Menschen (mir wurde nicht ganz klar: sind da arrogante Blogger oder tatsächlich Print-Feuilletonisten gemeint?), die sich nur mit ‚hochwertiger‘ Literatur in irgendeiner Form beschäftigen – und anscheinend sind sich diese Gruppen nicht so wirklich eins. Alexandras Credo war, dass man doch jedem seine Spielwiese lassen solle; man könne sich ja die Blogs, die man lesen möchte, selber aussuchen. Das alleine wäre noch kein Grund gewesen, mich dazu zu äußern. Spannender ist es, was man teilweise in Alexandras Kommentarspalte liest, auch ich habe mich da kurz zu geäußert. Da ist teilweise von ‚aufgeblasenen Wichtigtuern‘ die Rede, von pseudo-intellektuellen und ich wurde das Gefühl nicht los, dass man sich dort mit den so niedergemachten Blümchen-Blogs solidarisieren wollte und dann auch mal ein bisschen gegen ‚das Establishment‘ wettern wollte. So weit, so verständlich.

Ich habe mir daraufhin mal Gedanken gemacht, wie ich meinen Blog sehe, wie ich mich selber einordnen würde und was ich denn gerne für Blogs lese. Dabei sind sieben Kernpunkte rausgekommen, die ich hier gerne mal in den Raum werfen würde.

  1. Ich bin kein Blog, sondern mein Blog bin ich. Wenn ich einen Blog lese, dann in den seltensten Fällen, weil ich gerade zu dem Buch mal ein paar Gedanken lesen möchte, sondern, weil ich den Blogger/die Bloggerin sympathisch finde. Dabei finde ich es gerade spannend zu sehen, wie derselbe Mensch ein vermeintlich ‚minderwertiges‘ Buch sieht und im Verhältnis dazu sich an einem ‚literarischen‘ Werk versucht und darüber schreibt. Diese scharfe Trennung zwischen Unterhaltungsliteratur und Ernster Literatur geht mir ohnehin schon auf die Nerven. Das ist ja nicht nur in der Literatur so, das zieht sich durch die gesamte Kulturszene.
  2. Ich verblogge das, was ich lese. Ich lasse euch an meinem Leben – zumindest im Bereich des Lesens – teilhaben. Meine Interessen sind weit gestreut und so finden sich hier Heftromane zwischen Klassikern und Kinderbüchern wieder. Und nur, weil ich irgendwas mit Literatur studiere, heißt das noch lange nicht, dass ich jetzt nur noch Klassiker lese und die Literaturwissenschaftsbrille aufsetze. Ich kann auch einen Heftroman literaturwissenschaftlich untersuchen und zu einem Klassiker schreiben, dass ich ihn langweilig fand.
  3. Ich mag erwachsen aussehende Blogs. Die Optik ist das erste Kriterium, um einen Blog einzuordnen. Bei mir selbst achte ich auf klare Linien, dezente Farbgebung und nur wenig Spielereien. Das lässt mich wahrscheinlich spießiger wirken als ich bin, aber damit kann ich gut leben. Was ich überhaupt nicht leiden kann, ist, wenn mich auf einer Seite erstmal 35 Bilder angrinsen, sich von denen die Hälfte auch noch bewegt, die Seite glitzert und ich auf den ersten Blick erkenne: ‚meeeh, Blogspot.‘ Daher kommt auch meine Ablehnung gegen viele der Blogs, die sich wahrscheinlich als Blümchenblogs einstufen lassen würden, denn scheinbar korreliert das mit einer für mich zu aufdringlichen Optik.
  4. Ich verurteile niemanden. Zumindest bemühe ich mich. Ich käme nie auf die Idee, eine Person nicht zu mögen, weil mir ihr Blog nicht gefällt oder eine Person danach zu beurteilen, was sie liest. Aber das gelingt mir natürlich nicht immer. Es gibt diverse Genres, mit denen ich nichts anfangen kann und es gibt – leider – auch Blogs, die genauso aussehen, wie die Bücher, die sie besprechen. Aber okay, dann lese ich die Blogs eben nicht, wenn sie mir nicht zusagen, damit ist doch alles okay?
  5. Ich kann das gelesene einordnen. Das ist eine ganz wichtige Eigenschaft, finde ich. Ich kann natürlich auf meinem Blog schreiben, was ich will, aber wenn ich jetzt Kafka lese und schreibe ‚Find ich blöd‘, dann ist das doch irgendwie auch langweilig. Liebe Buchblogger, seid doch mal so selbstkritisch und fragt euch, wieso ihr das doof fandet, wieso ihr lieber {hier beliebigen Roman einsetzen} lest und wie ihr zu eurer Einschätzung kommt. Das ist viel spannender und das macht finde ich auch den Unterschied aus. Wenn ich über Heftromane schreibe, bin ich mir bewusst, dass das keine hohe Literatur ist. Wenn ich einen Fantasy-Roman lese, erwarte ich darin keine philosophische Antwort auf die Seinsfrage. Wenn ich aber Antwort auf die Seinsfrage möchte, lese ich nicht Hohlbein, sondern Hegel. Und so kenne ich meine Genres und kann versuchen, das Buch an seinen eigenen Ansprüchen zu messen und darüber zu berichten, wie ich es wahrgenommen habe.
  6. Ich bin Literaturkritik. Die Annahme, es gäbe einen Unterschied zwischen Blümchenblogs und dem Literarischen Quartett geht auf einen massiven Denkfehler zurück. Der Blümchenblog mag zwar inhaltlich anspruchsloser sein (wenn man denn Anspruch dem klassischen Sinne nach definieren möchte, was auch noch ausdiskutiert werden sollte…), aber er ist keineswegs irrelevant. Denn die Meinung des literarischen Quartetts ist nur für bestimmte Leser ausschlaggebend für die Kaufentscheidung. Das, was ich schreibe, trifft völlig andere Menschen und ist damit nicht weniger wertvoll, höchstens weniger relevant, weil meine eigene Reichweite geringer ist.
  7. Ich bin Medium. Ich bin im weitesten Sinne auch Journalist. Und ich habe Verantwortung. Der Punkt ist besonders wichtig, weil ich den in vielen Blogs ein bisschen vermisse. Wenn ich an dieser Stelle dann mal das vielzitierte Klischee der Hausfrau, die als Hobby einen Blog bei Blogspot hat und über Liebesromane schreibt, zitieren darf (auch wenn ich das ein ziemlich furchtbares Klischee finde), dann wird sich unsere Bloggerin wohl sehr darüber freuen, wenn sie irgendwann mal Post von einem Verlag bekommt, ob sie nicht das neue Buch des Verlags vorstellen könnte oder Lust hat, mit einem Blogpost zu dem Thema an einem Gewinnspiel darüber teilzunehmen. Unsere Bloggerin freut sich über das geschenkte Buch und schreibt einen – wahrscheinlich recht wohlwollenden – Beitrag dazu. Im Prinzip eine tolle Situation, aber eigentlich recht fragwürdig. Gerade, wenn wir dann noch im Hinterkopf haben, dass der Verlag einfach mal 100 Exemplare von dem Buch in die Blogosphäre werfen kann und somit die öffentliche Meinung über das Buch durch diese Bewertungen von Gratisexemplaren durchaus ein bisschen geraderücken kann. Und deshalb gilt für Buchblogger genau wie für Youtube oder andere Netzkünstler: Ihr habt Reichweite. Geht verantwortungsvoll damit um, nehmt nicht jedes Geschenk an und lasst euch nicht zum Werbeträger der Verlage werden. Kennzeichnet Rezensionsexemplare transparent und versucht, eure Meinung davon nicht beeinflussen zu lassen (ja, das ist schwer. Ich weiß.). Ihr seid meinungsbildende Medien. Und ihr möchtet doch auch nicht, dass die Beiträge in der tagesschau von der Industrie gekauft werden, sondern unabhängig und kritisch produziert werden. Und genau diese Verantwortung habt ihr – wenn auch natürlich in deutlich kleinerem Stil – ganz genauso.

[1] http://blog4aleshanee.blogspot.de/2015/06/leserstimmen-2.html

2 Kommentare

  1. 1a Beitrag, danke dafür!
    Das Pöbeln von „oben“ wie von „unten“ geht mir etwas auf die Nerven; Toleranz ist leider allzu häufig eine vernachlässigte Tugend…

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