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Morgellon – Jan Wehn

Man liest es heutzutage nicht mehr so häufig, das ein Buch dem Leser als Novelle angepriesen wird, bezeichnet diese Genrebezeichnung doch eine ‚unerhörte Begebenheit‘, die besonders im 18. und 19. Jahrhundert sehr verbreitet war. Doch dieses Buch tut es. Der Titel, unter dem die Novelle bei der DNB registriert ist, ist so endlos lang, dass ich mich hier nur auf den Covertitel Morgellon beschränke. Es ist in einem kleinen Berliner Verlag erschienen, ich habe es durch Zufall entdeckt und dann sofort meine örtliche Bibliothek mit der Anschaffung beauftragt. Einige Monate (!) später hielt ich die 75 Seiten starke Novelle in den Händen.

Noah ist Student. Er ist vor kurzem in die Wohnung seines Großvaters gezogen, der einige Zeit zuvor verstorben ist. Es sind Semesterferien und so probiert er nur zum Spaß mal die starken Schmerztabletten, die sein Großvater hinterlassen hat aus und stellt fest, dass er einen ordentlichen Rausch dadurch bekommt. So besorgt er sich über einen Freund, der Blankorezepte aus der Praxis seines Vaters entwendet, weitere Benzodiazepine (Benzos), starke Schlafmittel, die häufig missbraucht werden. Er ist es auch, der ihn auf etwas aufmerksam macht: Die Regierung versprüht Giftstoffe mit Flugzeugen über der Stadt, sogenannte Chemtrails. Er ignoriert diesen verschwörungstheoretischen Schwachsinn solange, bis er an seltsamen Kopfschmerzen und Flecken vor den Augen leidet, die er sich nicht erklären kann. Er recherchiert nach diesen Symptomen und wieder stößt er auf die Chemtrails und wie man Origoniten baut. Wenige Stunden, nachdem er das als Schwachsinn abgetan hat, beginnt er schon mit dem Bau dieser Chemtrailabwehrstäbe. Er lernt übers Internet Lea kennen, die das Videotutorial zum Origonitenbau aufgenommen hat und trifft sich mit ihr. Seine Symptome werden immer schlimmer, Lea führt das auf eine Infektion mit Morgellonen zurück, kleine Fadenwürmer, die aus den Chemtrails und durch das Impfen in seinen Körper kommen. Zwischenzeitlich wird sein Bruder mit einer heftigen Migräne ins Krankenhaus eingeliefert. Noah ist jedoch für seine Familie nicht zu erreichen. Er ruft schließlich noch einmal seinen Bruder an, als dieser gerade nach Neuseeland will. Noah erzählt ihm von den Morgellonen und will ihn aufhalten, doch wird nur ausgelacht. Er beobachtet wie wild das Wetter und die Chemtrails, wird sogar zu einem Treffen von Reichsbürgern eingeladen, um einen Vortrag zu halten und schließt sich schließlich einer Widerstandsgruppe gegen die BRD GmbH an.

Es passt gut in diese Zeit, eine Novelle über dieses Thema zu schreiben. Verschwörungstheorien sind im Aufwind und die von Jan Wehn ausgedachte Geschichte ist keineswegs unrealistisch. Es gibt Erfahrungsberichte von ehemaligen Verschwörungsgläubigen, die diesem Weg durchaus ähneln; die Berliner Chemtrail-Szene ist so groß, dass sie Demonstrationen dagegen organisiert und mit Xavier Naidoo hat die Szene einen prominenten Fürsprecher. Auch der Rapper Kollegah äußerte sich wiederholt als Verschwörungstheoretiker. Gläubige wie Noah leben in einer Welt, die keine andere Deutung zulässt und die für ihre Überzeugung bis zum Äußersten gehen, sie leben wie im Wahn, sodass er nie auf die Idee kommt, dass sein Tablettenmissbrauch für einige seiner Symptome verantwortlich sein könnte. Es ist auch durchaus typisch, dass es mit einer noch relativ niederschwelligen Verschwörungstheorie anfängt und sich dann immer weiter steigert.

Diesen Wahn hat Jan Wehn meiner Ansicht nach großartig eingefangen. In alter Novellentradition gibt es keine Nebenschauplätze, der Fokus liegt immer auf Noah, untypischerweise ist er jedoch ein Ich-Erzähler. Man ist aber damit sehr nah am Protagonisten und bekommt auch den Wandel seiner Innenwelt von der ablehnenden Haltung bis hin zum völligen Wahn mit. Das Ende sei an dieser Stelle nicht verraten, rundet aber die kurze Erzählung schön ab. Für mich war das ein sehr eindrucksvolles Lesen, da in vielen kurzen Kapiteln ein enorm hohes Tempo vorgelegt wurde, die Handlung entwickelt sich sehr schnell und ebenso intensiv.

Jedoch setzt die Novelle einiges Vorwissen voraus. Man sollte zumindest ein bisschen was über diese Verschwörungstheorie wissen, ansonsten ist man vom Inhalt wohl kolossal verstört bis überfordert. Aber wenn man sich mit diesen Netzwerken auch ein wenig auskennt, erkennt man einige Anspielungen sehr direkt wieder und dann ist das bedrohliche an dieser Novelle, dass sie eigentlich gar nicht so fiktiv ist. Noah ist es, Lea vielleicht auch. Der Zirkel, in dem Noah den Vortrag hält, existierte jedoch in ziemlich genau dieser Form, all diese Videos und Artikel sind real, es wurden sogar schon Morde für diese Überzeugung begangen. So wird das Buch doch sehr beängstigend, weil es so furchtbar einfach zu sein scheint, in solche Kreise abzudriften.

Ich fand Morgellon sehr beeindruckend. Es scheint nicht so leicht zu beschaffen zu sein (Tip: Die ULB Darmstadt besitzt jetzt ein Exemplar), weil es nur in einer Auflage von 750 Exemplaren gedruckt wurde, aber wenn es euch mal in die Hand fällt, kann ich die Lektüre nur empfehlen und gebe volle 5/5 Sternen.

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