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Ein plötzlicher Todesfall – J. K. Rowling

Okay, dieses Geständnis wird jetzt den ein- oder anderen Überraschen: Ich habe die Harry-Potter Reihen nie fertig gelesen. Habe ich das auf dem Blog schon mal erzählt? Als Kind im Alter von 6 oder 7 Jahren waren die ersten Harry-Potter Bücher so ziemlich die ersten längeren Bücher, die ich gelesen habe, die ersten Filme habe ich noch im Kino gesehen. Schon durch den Feuerkelch habe ich mich dann mehr durchgekämpft, beim fünften Band habe ich dann im zarten Alter von ungefähr 8 oder 9 Jahren die Segel gestrichen und ihn nach einigen hundert Seiten abgebrochen; seitdem habe ich diese Reihe nie wieder angefasst. Und ja, ich möchte das irgendwann noch nachholen.

Einige Jahre nach dem siebten Band der Reihe schrieb J.K. Rowling ihren ersten Erwachsenenroman. Es war ein riesiger Medienhype, das Manuskript wurde geheimgehalten, die Übersetzer mussten in abgeschlossenen Räumen arbeiten, es gab eine irre hohe Erstauflage – und dann wunderten sich alle Käufer, dass es anders als Harry Potter ist. Genau deshalb wollte ich dem Buch mal eine Chance geben und habe es als ungekürztes Hörbuch gehört.

Barry Fairbrother, Gemeinderat in Pagford stirbt eines überraschenden Todes. Im Dorf entwächst nach dem Schock über den Tod eine Debatte um den Fortgang der Gemeinde. Durch seinen freien Sitz im Gemeinderat ergibt sich nun eine potenzielle Mehrheit für die Schließung der Drogenklinik und den Abtritt des als Problemviertels bekannten Ortsteil Fields. Barry stammte selbst aus Fields und hat sich für den Ortsteil und insbesondere die Bewohnerin Terry Weedon, eine Schülerin aus seiner Rudermannschaft, die eine Mutter auf Drogenentzug hat, eingesetzt. In der Diskussion um die Nachfolge wird dann gegen den Willen der Fields-Gegner eine Wahl angesetzt – im Vorfeld kommt es jedoch auf der Gemeindeseite zu Enthüllungen von pikanten Details über verschiedene Kandidaten, die von den Schülern Pegfords durch eine SQL-Injektion auf die veraltete Gemeindeseite gepostet werden. Einige zerstörte Existenzen später geht die Wahl dann auf einmal günstig für Fields aus, sehr zum Missfallen des Inhabers eines Feinkostladens, Howard Mollison, der Barrys größter Gegner im Gemeinderat war.

Ein großes Problem an diesem Roman ist, dass man ihm keinem Genre zuordnen kann. Er ist kein Krimi, Barrys Tod ist an sich kein Thema und auch nicht umstritten, genausowenig ist es ein Thriller, irgendetwas phantastisches oder gar ein historischer Roman. Es ist so eine Art Gesellschaftsstudie, man könnte es fast als Novelle deuten, wenn es nicht so viele Nebenhandlungen gäbe, es erinnert ein wenig an die Romane des Realismus, nur deutlich länger und weiter gedacht – natürlich aber auch moderner. Es werden moderne Themen angesprochen, es wirkt ein bisschen wie eine Parabel auf die Tendenz zu weniger Umverteilung und zunehmend sozialstaatsfeindliche Atmosphäre – nicht nur in England. Interessant an diesem Roman ist vor allem die Trivialität, mit der der Tod eines Gemeinderatsmitgliedes, die Zerstörung von Existenzen begegnet wird. Der englische Titel „The Casual Vacancy“, vielleicht am besten mit „Die plötzliche Vakanz“ zu übersetzen, thematisiert den Tod gar nicht mal.

Mir gefiel der Roman trotz dieser Genreunsicherheit und dieser nichtmagischen Atmosphäre, die viele Rezensenten mir unverständlicherweise kritisiert haben, ziemlich gut. Es zeigt gut die kleinstädtischen Kommunikationsstrukturen, es geht viel um Klatsch und Tratsch und vor allem aber auch darüber, wie sich Menschen anderen Menschen gegenüber verhalten. Ich finde, die Bezeichnung Gesellschaftsstudie passt ziemlich gut. Kritisiert wird häufig, dass es zu viel Sex, zu viel vulgäre Sprache und zu viele Drogen gibt – ja, das gibt es in Hülle und Fülle, aber es passt zum Setting – ich will sogar sagen, dass das Setting nötig ist.  Was ich besonders faszinierend fand, ist, dass es keine Helden zu geben scheint. Keine Figur ist irgendwie „gut“, alle und zwar ausnahmslos alle haben irgendwelchen Dreck am Stecken, haben irgendwelche unsympathischen Eigenschaften, sind keine Sympathieträger – selbst die so kämpferische Crystal Weedon ist keine gute Figur. In einer Rezension habe ich gelesen, das Buch sei ein kalten Buch. Und ich glaube, diese Beschreibung trifft es ziemlich gut. Mich hat es ziemlich fasziniert und ich gebe daher mal 3,5/5 Sternen für dieses Buch. Es wird nicht mein Lieblingsbuch, es hat auch finde ich nicht das Potenzial zu einem Lieblingsbuch, ist aber dennoch faszinierend – und ich würde das Lesen durchaus empfehlen.

1 Kommentar

  1. Ich habe Harry Potter (fast) nicht gelesen, aber das Stichwort „Gesellschaftskritik“, das gefällt mir. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei gesellschaftskritischen Romanen tatsächlich Figuren gibt, die „nur“ gut sind.

    „Zufällig frei geworden“ wäre ein passender, aber nicht so spannender Titel gewesen. Aber „Ein gewöhnlicher Todesfall“ hat einen ähnlich Tonfall wie der Originaltitel – er klingt so banal, dass man als Leser wissen will, was dahinter steckt.

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