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Das Labyrinth der Träumenden Bücher – Walter Moers

Cover von Das Labyrinth der Träumenden Bücher

 

Wie viel Negatives steht bei Amazon zu diesem Buch. Im Durchschnitt bekommt dieses Buch zweieinhalb Sterne, fast zweihundert Kunden bewerteten das Buch mit einem Stern? Warum? Das liegt eigentlich auf der Hand und zeugt doch von tiefem Unverständnis.

Das Labyrinth ist eine Art Fortsetzung von der Stadt der Träumenden Bücher. Mythenmetz ist mittlerweile so ziemlich der erfolgreichste Schriftsteller und verfasst eigentlich nur noch ziemlichen Murks, der sich durch seinen Namen verkauft, denn er ist völlig vom Orm, also der künstlerischen Fügung, verlassen. In seiner Verzweiflung erreicht ihn ein Brief, in dem es heißt, der Schattenkönig sei zurückgekehrt. Davon angetrieben zieht er mal weg von der Lindwurmfeste weg und möchte einmal zurückkehren nach Buchhaim, wo sein Erfolg begann. Und genau davon handelt das Buch. Mythenmetz kehrt nach Buchhaim und lernt die Stadt nach dem großen Brand kennen, sieht eine sehr fortschrittliche Version des Puppentheaters, den Puppetismus, beschäftigt sich damit und durchquert gemeinsam mit einer Schreckse alle Formen des Theaters und beschreibt diese dann auch, bis er eines Tages eine Einladung zum unsichtbaren Theater bekommt, das ihn dorthin führt, wo alles begann – in die Katakomben von Buchhaim. Und dort endet das Buch im Dunklen.

Ich kann das Buch nicht einfach so rezensieren, denn ich habe eine ganze Menge dazu zu sagen, also versuche ich mich ein bisschen zu strukturieren und fange ganz an der Oberfläche an. Das Labyrinth der Träumenden Bücher ist im Wesentlichen ein Report über eine fiktive Form der gigantischen Theaterkunst mit Puppen, die unendlich viele Strömungen hervorgebracht hat. Zwischendrin wird auf zirka 60 Seiten die Geschichte des ersten Buches als Puppentheater nacherzählt. Mal abgesehen von einigen dramatischen Szenen hat das Buch nicht wirklich viel Spannung zu bieten, alle wichtigen Handlungsstränge bleiben völlig offen und das Buch endet mit dem Satz „Hier fängt die Geschichte an“. So weit so schlecht. Darauf beziehen sich die meisten Rezensionen. Einige Rezensionen sind so fair und sagen zumindest noch dazu, dass es trotzdem eine tolle Reise durch eine besondere Stadt ist, dass man viel Spaß mit den Anagrammen haben kann und dass Moers Schreibstil den Leser völlig in eine andere Welt entführt.

Für den nächsten Punkt muss ich ein wenig ausholen: Der postmoderne Romanreagiert auf die moderne Massen- und Mediengesellschaft, ist gezeichnet vom Zweifel, die Welt in der Sprache darstellen zu können, einer der Kernpunkte kann eine Erzählkrise und ein Selbstzweifel des Autors sein, oft ist der postmoderne Roman von Intertextualität (also Bezüge auf andere Werke) und Metafiktionalität (Verschwimmen von Autorenposition, Erzählposition und Thematisierung genau dieser Punkte) geprägt, der Roman greift bekannte Genres auf und spinnt aus ihnen ein Romankonstrukt, dass durch eine oberflächliche Ästhetik auch dem Massenpublikum zuträglich ist. (Quelle: https://www.uni-due.de/einladung/Vorlesungen/epik/postmoroman.htm – aber auch mein eigener Deutschunterricht)

Vor diesem Hintergrund müssen wir uns vergegenwärtigen, was wir hier eigentlich lesen: Wir lesen einen Ausschnitt einer Autobiografie eines fiktiven Autors, in der er seine eigene Schreibkrise reflektiert und wie er sich dabei in neuen Schaffensformen fortbildet. Genau diesen Ausschnitt erleben wir hier und dieser Ausschnitt wird absolut plausibel und auf allen Ebenen nachvollziehbar dargestellt. Dass ein Buch, das eine Schreibkrise thematisiert, zwangsläufig von einer spannenden Handlung befreit sein muss, ist nur logisch und konsequent. Dass Walter Moers das seinem Publikum zumutet ist mutig – auch wenn er im Nachwort erklärt, dass es als ein Roman geplant sei, war es dann doch eine bewusste Entscheidung diesen Teil in dieser Form zu veröffentlichen – und natürlich muss sich Moers der Reaktionen seines Publikums bewusst gewesen sein – vermutlich grinst er jedes Mal, wenn er eine der negativen Rezensionen über sein Buch liest. Aber ich denke, in dem Buch steckt noch ein bisschen mehr, als dieser Punkt der Metafiktionalen Schreibkrise (man darf spekulieren, wieviel Moers in Mythenmetz steckt – vielleicht ist auch Moers gefangen in einer Schreibkrise?). Um die Liste von oben noch kurz abzuhaken: An Intertextuellem steckt erstmal natürlich sein eigenes Werk ziemlich unverhohlen drin, darüber hinaus noch die zahlreichen Anspielungen an die existierenden Strömungen des Theaters, die er in seinem Puppetismus verarbeitet, die zahlreichen Anagramme und teilweise auch inhaltlichen Bezüge auf klassische Autoren – die man ja auch schon in anderen Büchern von Moers findet. Den Puppetismus kann man als Frage sehen, ob man die (fiktive?) Welt in der Sprache allein beschreiben kann, oder ob nicht noch viel mehr nötig ist (Duftorgel!), die oberflächliche Ästhetik ist die Rahmenhandlung, die einem typischen Fantsyroman nicht unähnlich ist.

Noch kurz etwas zur Reaktion auf die Mediengesellschaft: Die findet sich nicht nur in den Strömungen des Puppetismus wieder, sondern ich hatte beim Schreiben so ein bisschen das Gefühl, dass der Abschnitt, in dem 1:1 die Stadt der Träumenden Bücher wiedergegeben wird, ein bisschen parodierend auf einige Krimi- und Fantasyautoren gemeint ist, bei denen es eigentlich in jedem Buch immer wieder um das Gleiche geht, es nur etwas anders beschrieben wird. Dieser „Kunstgriff“ wird hier auf die Spitze getrieben, indem einfach genau das gleiche nochmal erzählt wird.

Auf diese Art und Weise kann man sich eigentlich an jedem Aspekt, der einem noch zu Moers einfällt, weiter aufhängen, man könnte loslegen und versuchen, die beschriebenen Teile der buchhaimschen Gesellschaft auf unsere Welt zu übertragen. Das würde allerdings den Rahmen der Rezension hier sprengen. Ich denke, ich habe einige der wichtigsten Punkte genannt und euch das Handwerkszeug mit auf den Weg gegeben, um den Roman noch mal etwas detaillierter zu betrachten. Es lohnt sich!

Was bleibt als Fazit noch zu sagen? Nicht jeder Roman möchte bloß unterhalten. Moers schafft es schon seit dem Blaubär, seine Bücher gleichzeitig zur unterhaltsamen und wunderschönen Lektüre zu machen, andererseits gibt er ihnen aber auch eine hohe „Literarizität“, also ein hohes Maß an in der Literaturwissenschaft geschätzen Strukturen, Bedeutungsebenen und Mehrdeutigkeiten, mit. (Anmerkung: Ich tue mich etwas schwer mit der Verwendung solcher Begriffe, ebenso wie wertenden Bezeichnungen wie „hohe Literatur“ oder „anspruchsvolle Literatur“ – aber so etwas in der Art könnt ihr euch darunter vorstellen) Moers ist wie kein Zweiter ein Autor, der gleichermaßen vom Publikum als auch vom Feuilleton gelobt wird, ich ziehe gerne den Vergleich zu Süskinds Parfum, das ebenfalls gleichermaßen unterhaltsam war, als auch den Literaturwissenschaftlern etwas zum analysieren bot.

Im Labyrinth der Träumenden Bücher steckt sicherlich um einiges mehr, als in Augen oberflächlicher Betrachter darin zu lesen ist. Ist das Publikum zu abgestumpft von eben jenen Mechanismen der Massenmedien oder war die Erwartungshaltung einfach eine ganz andere an Moers? Ich finde das Labyrinth auf jeden Fall einen sehr gelungenen Roman – und mal ganz fernab von all dem Geschwafel von oben – ich hatte auch viel Spaß beim Lesen und beim Entdecken der phantastischen Welt, die Moers hier erbaut. Konsequenterweise kann ich dafür nur 5/5 Sternen vergeben und verbleibe mit dem Hinweis, dass es sich lohnt, auch mal zwischen die Zeilen zu schauen. Inzwischen gibt es das Buch auch als Taschenbuch für zugegeben recht teure 14,99€ – aber es lohnt sich!

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